geschrieben von Tyler Merkel (basierend auf Notizen und Interviews mit Simon Straetker)

Indonesien. Die Heimat von Komodowaranen, aquamarinblauem Wasser und historischen Hindu-Tempeln. Das Land ist mit seinen 17.000 Inseln, die sich über drei Zeitzonen hinweg strecken, die größte Inselgruppe der Welt. Die meisten Kartografen bezeichnen Indonesien als die letzte noch unerforschte Region unserer Erde, da das Land noch nicht vollständig erkundet ist (nur 6.000 der Inseln haben einen Namen und noch weniger sind bewohnt). Nichtsdestotrotz wollten wir auf unserer Reise keine neue Insel entdecken, sondern die abgelegensten Winkel in Südostasien bereisen, um Indonesiens fortwährende Wanderer zu finden: die Bajau Seenomaden.

Bevor wir ins Thema eintauchen, sollte ich wohl kurz erklären, wie es überhaupt dazu kam, dass ich für einen Dokumentarfilm um die Welt reise. Vor zwei Jahren war Markus Mauthe auf der Suche nach einem Filmpartner für sein bevorstehendes Projekt über Indigene Völker. Dabei ist er in seinem Facebook Feed auf eins meiner Videos gestoßen und hat mich einfach angerufen und gefragt, ob ich mit dabei wäre.

Zwei Jahre später haben Markus und ich auf vier Reisen die abgeschiedensten Orte dieser Welt besucht. Wir sind den Amazonas hinuntergefahren, haben die blutroten Sanddünen Namibias erklommen und uns über die staubigen goldenen Ebenen im Südsudan geschleppt.

Wenn die Erwähnung des Südsudan dein Interesse geweckt hat, kannst du in meinem letzten Blogpost mehr darüber erfahren. Er ist voll von aufregenden Abenteuern, politischen Machenschaften und vielen Fotos von den spektakulären Ankole-Watusi Rindern. Schau ihn dir einfach an!

Aber zurück zu unseren Reisen. Du fragst dich vielleicht, warum wir so etwas machen? Ich sag dir wieso - um die rapiden Veränderungen, die der Klimawandel und andere, oft unvorhersehbare Einflüsse der modernen Welt auf diese abgelegenen Landschaften und Völker haben, zu portraitieren, fotografieren und begreifbar zu machen. Um das, was durch unüberwindbare geografische Grenzen unerreichbar wurde wieder sichtbar zu machen.

Nach einer kurzen Atempause in Deutschland waren wir schließlich bereit für unsere nächste Expedition: Südostasien.

Auf dieser Reise wollten wir das Bajau-Volk kennenlernen und von ihnen lernen. Jahrhundertelang hat diese Bevölkerungsgruppe das ganze Jahr über auf seinen Booten als Seenomaden gelebt, weit ab vom Festland - bis vor ungefähr dreißig Jahren. Heute hat sich der Großteil der wandernden Seemänner dazu entschieden, sich in Stelzendörfern niederzulassen.

Unser erster Halt war der Wakatobi Nationalpark, eine Region die von Tauchern und Meereskundlern geliebt wird, weil sie über 940 Fischarten und mehr als 700 verschiedene Korallenarten beherbergt (zum Vergleich: das Karibische Meer hat weniger als 70 Arten). Die Gewässer in Watakobi bieten Korallen die perfekten Bedingungen zum wachsen: das Wasser ist glasklar, hat eine stetige Temperatur von 27° und ist meist nicht tiefer als 20 Meter (was genug Licht bis zum Grund lässt). Außerdem gibt es keinen starken Wellengang, selbst bei Starkregen nicht. Jede noch so kleine Veränderung dieser Bedingungen beeinträchtigt das Wachstum der Korallenriffe.

Nach Watakobi machten wir uns in Richtung Mabul auf, wo wir einigen der letzten Bajau-Seenomaden begegneten, die noch vollständig nomadisch leben.

Unser Team bestand aus Markus Mauthe, dem Filmemacher Janis Klinkenberg, Tonfrau Svenja Christ und zuletzt mir, Simon Straetker.

Zuerst war das wunderhafte Bajau-Dorf Sampela in Watakobi an der Reihe.

 

TAG 1: Sampela

Wie soll ich diesen Ort beschreiben? Sampela ist ein schwimmendes Dorf mitten im Meer, das komplett auf Stelzen steht. Es ist eine Insel ohne jegliches Fundament, ein normales Dorf, das vollständig auf eine seichte Stelle im aquamarinblauen Meer verpflanzt wurde. Es hat sogar zierliche Brücken, die die Häuser miteinander verbinden. Über die Jahre hinweg hat die Bajau-Bevölkerung einfache Holzpfähle zur Befestigung im darunter liegenden Riff verkeilt, was die Korallen dankbar annehmen - fast so als ob das Dorf eine Fortsetzung ihres natürlichen Wachstums wäre. Das symbiotische Ergebnis ist unlogisch, fragil, aber vor allem bezaubernd.

Die Bajau-Gemeinschaft ist zwar nicht wohlhabend, aber auch nicht arm. Ihre Dörfer sind oft mit Gesundheitseinrichtungen, Schulen und kleinen Moscheen ausgestattet. An unserem ersten Tag in Sampela haben wir einfach versucht, uns auf schlechtem Englisch (und noch schlechterem Bajau) mit den Einheimischen zu unterhalten und sind durchs Dorf geschlendert bis die Sonne hinterm Horizont verschwunden war. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kehrten wir zu unserem Hotel auf der Hoga-Insel zurück - ein fast unsichtbares grüner Schimmer in der Ferne.

 

TAG 2: Hoga-Insel

An unserem zweiten Tag standen wir mit Sonnenaufgang auf und begutachteten die Küste, um das Müllproblem Indonesiens zu dokumentieren. Wir stellen fest, dass der namenlose Strand in Wakatobi, wie so viele andere indonesische Strände auch, von Abfall bedeckt war. Es war erschütternd auf dieser abgelegenen Insel zu sein und ständig über Berge von Plastiktüten, Joghurtbechern, Cola-Flaschen, Chipstüten und großen Ölkanistern zu stolpern. Wir filmten Markus dabei, wie er durch den Müll watete.

An diesem Tag trafen wir auch Pondang, ein treuer Freund, kluger Seefahrer und beständiger Ja-Sager, der für den Großteil der Reise unser Bajau-Guide wurde. Anfangs dachten wir, dass Pondang der gefälligste Mensch aller Zeiten sei. Er antwortete auf jede Frage, die wir stellten, mit einem schnellen und souveränen “Yes”.

“Gibt es Skorpionsfische in diesem Riff?”

“Yes.”

“Leben in diesem Dorf noch echte Nomaden?”

“Yes.”

“Betreiben die Menschen auf dieser Insel Dynamit-Fischerei?”

“Yes!”

Wir vermuteten, dass “Yes” das einzige Englische Wort war, dass unser Guide kannte. Also fragten wir “Pondang, bist du ein Terrorist?” und er antwortete “Yes! … halt warte, nein!” Ertappt brach Pondang in ein Lachen aus, dass so ansteckend war, dass wir mit einstimmten.

 

TAG 3: Sampela

Am dritten Tag hatten wir die Gelegenheit mit ein paar Bajau-Fischern, die dafür bekannt sind, übermenschlich gut im Freitauchen zu sein, tauchen zu gehen. Markus hatte vor, beim Schnorcheln Fotos zu machen, aber nach einigen Minuten im Wasser wurde uns schnell klar, dass unsere Ausrüstung so viel Auftrieb hatte, dass wir eigentlich schwere Gewichtgürtel brauchten. Also war unsere einzige Option zu Tauchen - und das machte uns ein kleines bisschen Sorge.

Markus und ich haben zwar beide einen Tauchschein, aber es war Jahre her, dass einer von uns wirklich Tauchen war. Außerdem waren wir daran gewöhnt Tauch-Guides zu haben, die unsere Gewichte und Sauerstofflevel kalkulierten, und sicherstellten, dass wir nicht in Panik ausbrachen und unsere Lungen platzten. Hier gab es aber leider keine Tauch-Guides. Unsere Angst verschlimmerte sich, als wir einen nicht gerade kleinen Teil unserer Tauchausrüstung beim Verleih vergasen.

Also machten wir das, was jeder in unserer Situation tun würde: wir googelten “Wie taucht man richtig”. Leider brachte uns das nicht viel weiter. Trotzdem sprangen wir ins Wasser und unser Muskelgedächtnis brachte uns sicher wieder an die Oberfläche. Zum Glück gab es auf dieser Reise keine geplatzten Lungen.

Während dem Tauchgang fotografierten wir die Bajau beim Jagen. Der Prozess ist beeindruckend - die Taucher schnallen sich Taucherbrillen aus Holz und Glas um den Kopf und schwimmen an der Wasseroberfläche entlang. Sobald sie einen Fisch entdecken, holen sie tief Luft, tauchen ab, schwimmen gemächlich am Meeresboden entlang und harpunieren ihr Abendessen. Keiner der Taucher hatte Schwierigkeiten damit, immer wieder zwanzig Meter tief zu tauchen. Wir erfuhren später, dass Bajau-Männer ihre Trommelfell in jungem Alter aufschneiden, um die Auswirkungen des schwankenden Drucks auf ihre Ohren zu senken. Die Kehrseite davon ist natürlich, dass die meisten Bajau-Männer mit 40 taub sind.

Nach 20 Minuten hatten die Männer mehr als 40 Fische zusammenbekommen. Wir kletterten zurück ins Boot, schnitten ein paar schillernde Gelbschwänze auf, beträufelten sie mit Zitronensaft und gönnten uns ein langes Mittagessen.

 

TAG 4: Sampela

An unserem vierten Morgen trafen sintflutartige Regenfälle die Insel. Wir suchten unter einem Bungalow Schutz und befragten einen älteren Mann zu den Veränderungen, die die Insel in den letzten zwei Jahrzehnten erlebt hat. Er klagte, dass es früher viel mehr Fisch gab, aber freute sich darüber dass die örtlichen Schulen inzwischen mehr Kinder unterstützten und sie mit Schuluniformen ausstattete. Ein Luxus, den sich in seiner Jugend keiner hatte leisten können. Wir fragten ihn, ob er mit seinem Leben zufrieden sei und ob er sich in außer seinem kleinen Dorf noch etwas wünschte. Er antwortete mit einem bestimmten Nein und sagte “Ich bin glücklich. Ich brauche gar nichts.”

 

TAG 5: Sampela

Nach der Hälfte unserer Reise bekamen Markus und ich die Gelegenheit, bei einer der Familien im Bajau-Dorf Sampela zu übernachten. Was wunderbar war, bevor Markus und ich aus Versehen alles kaputt machten. Es begann, als Markus sein Hemd zum Trocknen über eine elektrische Leitung hängte, die natürlich abriss. Aber es sah so aus, als wäre sie schon einmal mit Klebeband ausgebessert worden, sodass ich versuchte sie zu reparieren, indem ich ein bisschen mehr darauf klebte. Andere Länder, andere Sitten, oder? Naja, da ich nicht der talentierteste Heimwerker bin, begann die Leitung Funken zu schlagen und plötzlich erloschen alle Lichter in der Nachbarschaft. Das war es mit unserem Versuch, die Leitung selbst zu reparieren. Aber unsere Gastfamilie war sehr liebenswürdig und brachte die Lichter innerhalb weniger Minuten wieder zum Leuchten.

 

TAG 6: Sampela

Am Nachmittag begleiteten wir die Bajau-Bevölkerung beim Netzfischen. Das funktioniert folgendermaßen: ein paar Fischer klettern in ein schmales, drei Meter langes Kanu. Der hintere Bajau lenkt das Boot mit einer langen Holzstange, so ähnlich wie die Gondelfahrer in Venedig, während die restlichen Männer auf der rechten Seite des Kanus ein 100 Meter langes Netz ins Wasser lassen. Dann schlagen sie auf der linken Seite des Bootes mit der Lenkstange aufs Wasser und jagen die Fische so geradewegs ins Netz. Dann ziehen sie das Netz aus dem Wasser, und voila, das Kanu ist in weniger als einer Stunde voller Fische.

 

TAG 7: Sampela

Heute war unser letzter Tag in der Wakatobi Region. Also fuhren wir zu einem nahegelegenen Riff und schwammen daran entlang, bis die Korallen in die tiefste Finsternis abfielen. Das Licht war genau richtig und wir konnten einige richtig gute Aufnahmen von den Bajau einfangen, wie sie jagten, tauchten und in Kreisen um uns herum schwammen.

Am späten Nachmittag verdunkelten Wolken die Sonne und da nur bei Sonnenschein genügend Licht unter die Wasseroberfläche gerät, konnten wir keine weiteren Aufnahmen einfangen. Unsere GoPro konnte zwar in diesen schlechten Bedingungen filmen, aber jeder der schon mal eine benutzt hat, weiß, dass es wahnsinnig schwierig ist, sie still zu halten - vor allem dann, wenn Unterwasserströmungen einen umherwerfen. In einem verzweifelten Versuch befestigten wir die GoPro mit Klebeband an einem Monopod und der Griffstange meines Gimbals - was überraschenderweise funktionierte!

 

TAG 8: Kendari

Wir verbrachten den gesamten Tag auf der Fähre von Wakatobi nach Kendari. Seltsamerweise war es einer meiner Lieblingstage. Ich mag das Gefühl, langsam zu reisen, statt von Flugzeug zu Flugzeug zu hetzen. Langsames Reisen kann sehr meditativ sein. Auf dieser gemächlichen Seefahrt hatte ich hinreichend Zeit, alle saftig grünen Berge, jeden Flecken Seetang und die Unterwasserlabyrinthe aus Korallen zu begutachten - alles Anblicke, die man innerhalb eines Wimpernschlages verpasst, wenn man mit dem Flugzeug unterwegs ist.

Als wir weiter aufs Meer hinaus fuhren, beobachtete ich andere Passagiere dabei, wie sie ihren Müll ins Wasser warfen. Ich war verblüfft. Was aber noch schlimmer war: das Schiff hatte nicht einmal Mülleimer, sodass es schien, als würde die Fährgesellschaft den Hang der Passagiere, ihren Müll im Meer zu entsorgen, noch unterstützen.

Ich verstand es nicht. Wie kommt man auf die Idee das Meer wie eine große Mülltonne zu behandeln?

Die indonesische Regierung hat 2016 mit einer Gebühr auf Plastiktüten im Einzelhandel begonnen, gegen das Problem anzugehen. Viele Umweltschützer haben die Kampagne jedoch kritisiert, weil die Abgabe zu gering ist, um eine Wirkung zu haben und weil Plastiktüten nur einen geringen Teil des Mülls ausmachen. Dass viele Leute das Aussehen von modernen Plastikverpackungen bevorzugen, macht das Ganze noch schlimmer. Biologisch abbaubare Verpackungen wie zum Beispiel Bananenblätter werden als altmodisch angesehen. Die Regierung hat außerdem ein wachsendes Netzwerk aus “Müll-Banken” aufgebaut (momentan gibt es davon im ganzen Land 3.800). Diese provisorischen Müllhalden zahlen den Menschen etwas Kleingeld für ihren recyclingfähigen Abfall.

Die Mehrheit nimmt an, dass die wahre Lösung für die Müll-Krise aus zwei Richtungen kommen muss: Zum einen muss die Regierung (oder eine vermögende NGO) ein geeignetes und praktisches System zur Abfallentsorgung entwickeln, indem die Regierung den Müll abholt und entsorgt. Zum anderen muss Plastik mit biologisch abbaubaren Alternativen ersetzt werden, die keine giftigen Rückstände hinterlassen (damit selbst die, die ihre Joghurtbecher ins Meer werfen, nicht mehr zum Problem beitragen).

 

TAG 9

Am nächsten Morgen brachen wir zu dem wohl seltsamsten Anblick in ganz Indonesien auf: der Dynamit-Fischerei. Einer von Pondangs Freunden war professioneller Dynamit-Fischer und war damit einverstanden, dass wir den Vorgang filmten. Zuerst versammelten wir uns im Haus des Mannes, wo er uns seinen riesigen Vorrat an selbstgemachten Bomben zeigte - alte Bierflaschen befüllt mit Dynamit.

Wir warfen ein paar der Bier-Bomben in ein Boot und paddelten zu einer Sandbank. Dort zündete er wie beiläufig eine der Bomben an und warf sie über den Rand des Bootes, nicht weiter als fünf Meter. Das Meer blubberte und wir konnten einen gedämpften Knall hören. Dann trieb ein Haufen toter Fische mit offenen Mäulern an die Oberfläche. Anscheinend ist es der Druck und nicht die Detonation, die sie tötet.

Offensichtlich bringt diese Taktik um einiges mehr Beute als traditionelle Speer- und Netzfischerei. Aber der Druck der Bombe und Chemikalienreste zerstören die Korallen in kürzester Zeit. Außerdem ist die Methode so effizient, dass sich die Fischpopulation nicht schnell genug regenerieren kann. Noch auf dem Boot fragten wir den Fischer, ob ihm bewusst war, dass die Dynamit-Fischerei das Riff zerstört. “Zwanzig Leute aus meinem Dorf machen das” antwortete er, “Was macht einer mehr schon aus?”.

 

TAG 10: Toreo

Am nächsten Tag fuhren wir zwei Stunden in den Norden, um die letzten echten Bajau-Seenomaden zu finden. Aber da es sich um Nomaden handelt, war es nicht gerade einfach, ihren momentanen Aufenthaltsort an einem einzigen Tag ausfindig zu machen. Die Bajau bekamen wir nicht zu Gesicht, dafür fanden wir aber einige ihrer spektakulären hölzernen Plattformen, die sie für die Licht-Fischerei verwenden. Ganz genau, Licht-Fischerei, die skurrilste Fischfangmethode, die man sich vorstellen kann.

Jede der Plattformen ist mit einem Generator und einem Haufen Lampen ausgestattet. Nach Sonnenuntergang paddeln die Fischer zu diesen hölzernen Inseln, werfen den Generator an, hängen die Lampen knapp über die Wasseroberfläche, und ein Netz gleich darunter. So komisch es auch klingen mag, aber die Fische werden vom Licht angezogen; so sehr, dass sie geradewegs ins Netz hinein schwimmen. Am nächsten Morgen kehren die Fischer zurück und leeren ihre vollen Netze.

Immer noch auf der Suche nach dem wahrlich nomadischen Bajau-Volk, packten wir unsere Ausrüstung ein um ins indonesische Nachbarland Malaysia aufzubrechen.

 

Malaysia

Nach ein paar Flügen und einer Bootsfahrt kamen wir auf Mabul an, einer Insel von der gemunkelt wird, dass sie ein regelmäßiger Anlaufpunkt für viele Seenomaden ist, wo diese für Touristenfotos posieren und ihren Fisch auf dem Markt verkaufen. Mabul ist zudem einer der besten Orte der Welt um exotisches Mikro-Meeresleben zu sehen. Das endlose Labyrinth aus Riffen ist voller Meerestiere wie Anglerfische, Tintenfische und Blaugeringelten Kraken (um nur einige zu nennen). Es ist ein Paradies für Taucher!

Aber würden wir hier endlich die Bajau-Seenomaden antreffen?

Wir wussten, dass wir Glück hatten, als wir ein paar nomadische Hausboote im Hafen verankert sahen, zehn Meter lange Schiffe, die sich nur durch ihre Harlekin-Baldachine unterschieden, sowie so manche Familie, die zu fünft oder mit noch mehr Mitgliedern darin lebten.

Scheinbar macht es die Regierung den Nomaden nicht einfach, ein festes Einkommen zu erzielen. In einem Interview erzählte uns ein Bajau-Fischer, dass er gern in einem Haus auf einer Insel leben würde, was er sich aber nicht leisten kann. Wie andere Nomaden auch, wechselt er zehn mal im Jahr seinen Standort, um den Fischwanderungen zu folgen. Wenn er nicht auf einem Boot leben würde, bräuchte er zehn verschiedene Häuser auf unterschiedlichen Inseln, um immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, um die Fische zu fangen, die er benötigt. Aber die Tatsache, dass er auf einem Boot lebt, macht ihn in den Augen der Regierung staatenlos. Es ist wirtschaftlich im Grunde nicht machbar, gleichzeitig als Fischer sein Brot zu verdienen und sich auf einer der Inseln niederzulassen.

Wie du dir vielleicht vorstellen kannst, lernen die Bajau normalerweise kein Englisch. Deshalb wird in der Gegend von Mabul der Großteil der Jobs in den Resorts von philippinischen Immigranten übernommen. Aber wir trafen einen Ausnahmefall, der zu unserer Reisegruppe dazu stieß: Abdul. Er war einer der wenigen Bajau, der es geschafft hatte, sich selbst Englisch und Mandarin beizubringen, und auch noch einen Job als Tauch-Guide in Mabul bekommen hatte. Seine einmalige Erfahrung bedeutete, dass er sowohl den östlichen als auch den westlichen Lebensstil kannte. Später an diesem Tag räumte er ein, dass das Bajau-Volk sich nur “über heute Sorgen macht”, während die Menschen im westlichen Lebensstil fürs Morgen leben. Nachdem er etwas darüber nachgedacht hatte, philosophierte er, dass die Bajau viel glücklicher als ihre westlichen Gegenüber sein müssten, die von Krediten, anstrengenden Jobs und ähnlichem belastet seien. Im Gegensatz dazu gestand er, dass er den westlichen Lebensstil auf Mabul bevorzugte und sich nicht vorstellen könne zum Rhythmus des Bajau’schen Lebens zurückzukehren.

Wir trafen ihn während eines Tauchgangs mit 120 chinesischen Touristen, waseine wirklich bizarre Efahrung war. Fünfzehn Minuten nachdem wir unsere Tauch-Exkursion begonnen hatten, fragte Abdul, wer denn eigentlich schwimmen könne (nicht tauchen - schwimmen). Nur die Hälfte der Gruppe hob die Hand. Janis, Svenja und ich schauten uns mit großen Augen an und machten uns Sorgen, dass nicht alle überleben würden. Aber Abdul wurde spielend mit allem fertig und sorgte dafür, dass niemand umkam.

 

TAG 12

Zu unserem Glück bot Abdul uns an, für die letzten Interviews unser Übersetzer zu sein. Wir schlenderten die Küste Mabuls entlang, als wir ein Hausboot entdeckten, auf dessen Dachen 40 Stachelrochen in der Sonne trockneten. Ohne groß nachzudenken gingen wir darauf zu und hofften, dass wir vielleicht 20 Minuten mit der Familie reden konnten. Stattdessen unterhielten wir uns über zwei Stunden.

Wir erfuhren, dass acht Menschen aus drei Generationen auf diesem zehn Meter langen Boot lebten. Das Schiff war in drei Hauptteile aufgeteilt: der Vorderteil des Bootes war fürs Fischen und die Lagerung von mehreren Boxen voll Ausrüstung, Kleidung und einigem Schnickschnack reserviert. In der Mitte des Bootes befand sich ein Gemeinschaftsbereich mit einer einzigen Miniatur-Hängematte, und das Ende des Bootes war mit einer Küche ausgestattet. Die Familie erzählte, dass jeder von ihnen auf einem Boot aufgewachsen war und sein Leben damit verbracht hatte, von einer Insel zur nächsten zu ziehen, immer auf der Jagd nach den Fischschwärmen.

Am Ende des Interviews begann es zu stürmen, sodass die Familie einen Regenschutz auf demBaldachin befestigte und die anderen sich auf die Suche nach einem Unterstand machten, weil es im Schutz des Bootes nicht genug Platz für alle gab. Ich entschied mich dazu, noch etwas länger auf dem Boot zu bleiben.

Nichts aufregendes geschah - ich spielte ein wenig mit den Kindern, während der Vater ein Netz reparierte und die Großmutter einen Stachelrochen in Würfel schnitt. Aber wir lächelten uns immer wieder an. Wenn ich auf meine bisherigen Abenteuerreisen zurückblicke, sind es oft diese ruhigen, kulturell übergreifenden Momente, die einem in Erinnerung bleiben. Als Filmemacher bin ich es inzwischen gewohnt, auch mal aufdringlich zu sein. Es kann schwierig sein, mit anderen Menschen eine Verbindung herzustellen, wenn dein Gesicht hinter einer Kamera versteckt ist. Diese ruhige, kameralose Stunde war deshalb ein wahrer Segen und ein unvergesslicher Moment.

Letztendlich könnte man unsere Reise glaube ich in einem Interview zusammenfassen, das wir mit einem älteren Nomaden führten, der als Seenomade lebt obwohl er auf beiden Augen blind ist. Er ging oft mit seinen Kindern fischen, hatte aber auch allein keine Probleme und bewegte sich auf seinem Boot so selbstverständlich, dass wir schon daran zweifelten, ob er überhaupt blind war. Er erzählte, dass er sein Augenlicht vor 6 Jahren verloren hatte, weil er zu viel in die Reflektionen der Sonne auf dem Wasser geschaut hatte. Aber es machte ihn nicht traurig.

Am Ende des Interviews fragten wir ihn, ob er einen Ausweis wolle, damit er die Gesundheitsversorgung der Regierung in Anspruch nehmen konnte. Er lächelte uns an und sagte “Nein, der würde sowieso nur nass werden”.

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