geschrieben von Tyler Merkel (basierend auf Notizen und Interviews mit Simon Straetker)

Südsudan. Ein Land, das trotz seiner riesigen Ölvorkommen in tiefer Armut steckt. Ein Staat, der bis vor kurzem in ständige Kriege verwickelt war, 50 Jahre lang. Eine Region, die laut dem Roten Kreuz von der schlimmsten Hungersnot nach Syrien heimgesucht wird. 

Wahrscheinlich hast du all das schon irgendwann mal ein einer der vielen düsteren Nachrichtenmeldungen gehört. Aber diese weite, ökologisch wertvolle Region hat so viel mehr zu bieten als ihre traumatische Geschichte. Wusstest du, dass es dort mehrere hundert verschiedene Sprachgruppen gibt, dass der Südsudan linguistisch eins der vielfältigsten Länder Afrikas ist? Oder dass eins der größten Feuchtgebiete der Welt in der weiten Landschaft des Südsudan liegt? Oder dass es das jüngste Land der Welt ist? Oder dass manche der Völker geografisch so isoliert sind, dass sie völlig abgeschieden von unserer modernen Welt leben? Anfang des Jahres 2017 habe ich mich gemeinsam mit dem Greenpeace-Fotografen Markus Mauthe aufgemacht, um die Geschichten dieses Landes und seiner Menschen einzufangen.

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Vielleicht wunderst du dich, wie ich zu so einem Projekt gekommen bin. Die Antwort ist vielleicht etwas seltsam. 2015, als Markus ausnahmsweise mal nicht gerade am Reisen war ist auf meine Filme gestoßen, als er durch seine Facebook Feed gescrollt hat. Er hat mich angerufen, ein Projekt vorgestellt, das er “Natur und Völker” nannte und wir haben eine Art fotografisches Blinddate für seine Reise nach Namibia und Botswana ausgemacht, um zu sehen ob eine Zusammenarbeit klappen könnte. Es funktionierte einwandfrei.

Zwei Jahre später haben Markus und ich auf vier Reisen die abgeschiedensten Orte dieser Welt besucht. Und mit abgeschieden meine ich quasi das Ende der Welt. Die Orte, an die man nicht ein, sondern drei kleine Flugzeuge nehmen muss. Danach ein Boot. Dann ein Esel. Und dann eine 10 Kilometer lange Wanderung. Orte an denen Handyempfang ein ferner Traum ist und Autos wie ein irrelevanter Mythos scheinen.

Ich vermute, du fragst dich, warum ich so etwas mache. Sich ins Unbekannte hinaus wagen? Öffentliche Verkehrsmittel, sauberes Wasser und Duschen hinter sich lassen? Ich sag dir wieso - um die rapiden Veränderungen, die der Klimawandel und andere, oft unvorhersehbare, Einflüsse der modernen Welt auf diese abgelegenen Landschaften und Völker haben, zu portraitieren, fotografieren und begreifbar zu machen. Um das, was durch unüberwindbare geografische Grenzen und jahrzehntelange Kriege unerreichbar wurde wieder sichtbar zu machen.

 

Vorher

Während der letzten drei Jahre haben Markus und ich dutzende Flugzeuge bestiegen, unzählige klapprige Autos gemietet und viele Lebensmittelvergiftungen durchgemacht. Wir haben uns durch den Amazonas gekämpft, haben die hochtürmenden Sanddünen Namibias erklommen und sind tagelang durch das staubige Great Rift Valley in Äthiopien gewandert - alles Zwischenstops auf unserer Mission, den Alltag der abgelegensten Völker dieser Erde festzuhalten. Nach ein wenig Zeit zu Hause waren wir endlich für unser nächstes großes Abenteuer bereit. Also haben wir unsere Euros in Sudanesische Pfund eingetauscht und uns zahlreiche Visas besorgt. Wir waren auf dem Weg ins jüngste Land der Welt, den Südsudan.

Unsere kleine Reisegruppe bestand aus Markus, seiner Frau Juliana, dem Geografen und Filmemacher Fabian (“Fabi”) Bazlen und mir, Simon Straetker.

Im ersten Abschnitt der Reise stand ein Besuch bei den Kachipo an, einem halbnomadischen paläo-sudanesichen Volk, das sich seinen Lebensunterhalt durch Jagen, Sammeln und Landwirtschaft durch Brandrodung verdient. Die sesshaften Landwirte leben im östlichen Boma-Gebirge, einer Region, in der die letzten großen Antilopen-Wanderungen der Serengeti-Ebene (mit ungefähr 1,3 Millionen Tieren) stattfinden. Zebras, Giraffen und Leoparden haben diese Landschaft lange Zeit durchstreift. Aber heute führen Wilderei, Hungersnöte und nicht vorhandene Naturschutzregelungen dazu, dass sich Ökologen fragen, ob überhaupt noch Tiere übrig sind.

Die Gegend war schon immer berüchtigt dafür, nur schwer erreichbar zu sein und wurde seit 1914 nicht mehr von Europäern erforscht. Das bedeutet, dass manche Völker noch nie Kontakt zur westlichen Welt hatten, bevor wir ankamen (außer vielleicht zu ein paar sehr entschlossenen Missionaren).

Im zweiten Abschnitt der Reise lernten wir das Volk der Mundari kennen, die ungefähr 70km nördlich der südsudanesischen Hauptstadt Juba am Weißen Nil leben. Das Volk ist für seine großen Ankole-Watusi Herden bekannt: gewaltige, unwirkliche Kreaturen, die aussehen, als kämen sie direkt aus einem Märchen.

 

Erster Halt: Juba

TAG 1

Unsere Reise begann mit einem langen, überfüllten Flug von Frankfurtnach Addis Ababa in Äthiopien. Auf diesem Flug waren wir noch von Touristen umgeben, die die kalten europäischen Wälder für Safaris, Vulkanseen und Sandstrände in Äthiopien eintauschen wollten.

Im klapprigen Pendler-Flugzeug von Addis Ababa nach Juba, der Hauptstadt des Südsudan, waren dann keine der vergnügten Touristen mehr zu sehen.

Nach einem etwas holprigen Flug landeten wir in Juba und betraten den seltsamsten Flughafen, den ich je gesehen habe (und ich kenne einige ziemlich komische Flughäfen). Ich kletterte aus dem Flugzeug auf eine zusammenklappbare Rampe und folgte der Menge in ein geflicktes Zelt. Die Gepäckausgabe ähnelte mehr einer Gepäckversteigerung bei der geschäftstüchtige Ortsansässige darauf warteten, sich deine Tasche zu schnappen und sie dir für ein bisschen Bargeld zu deinem Auto zu bringen. Zum Glück konnte ich mit etwas sanftem Ellbogeneinsatz durch die schwitzenden Körper schlängeln und hatte meine drei Gepäckstücke entdeckt, bevor sie im Getümmel verschwunden waren. Wenig überraschend wurde der Flughafen von der Afrikanischen Presse im Jahr 2016 zum “schlechtesten Flughafen Afrikas” gekürt. Aber, so miserabel er auch war, so werde ich diesen Flughafen doch nie vergessen.

Genauso wie den Rest des Abenteuers, in das ich mich gerade erst stürzte.

Vor dem Flughafen wurden wir von einem Mann, der elegant in Hemd und Anzugshose gekleidet war, begrüßt. Er schien völlig von einer dünnen Lage Staub bedeckt zu sein, vermutlich von seiner letzten Exkursion. In den nächsten Tagen würde dieser Mann unsere Expedition wieder und wieder retten. Er stellte sich als Joan Riera vor.

Joan ist ein anerkannter katalanischer Ethnologe, der dauernd unterwegs ist und schon unzählige Völker und indigene Gemeinschaften in Afrika besucht hat. In der Gemeinschaft der ethnologischen Expeditionen ist er als Experte für Erkundungen bekannt und hat schon Reisen für National Geographic und für einige der renommiertesten Fotografen dieser Welt geleitet. 

Neben Joan stand sein Partner, Donald Ainomugisha - ein ugandischer Alleskönner, der als unser Mittelsmann fungierte. Wegen ihm waren wir sicher unterwegs und hatten die Gelegenheit mit Einheimischen zu sprechen. Außerdem war er ein toller Koch und machte uns vor allem die ugandische Küche schmackhaft (bestehend aus Matooke, Sorghum Fladenbrot und Ziegeneintopf, um nur ein paar Gerichte zu nennen).

Ursprünglich war unser Plan, noch am Samstag, gleich nachdem wir in Juba gelandet waren, in den Boma Nationalpark zu fliegen. Aber wie alle Reisenden wissen, gibt es so straffe Zeitpläne nur in der Theorie. Joan teilte uns mit, dass wir noch auf ein paar Bestätigungen von irgendwelchen wichtigen Leuten der südsudanesischen Regierung warten mussten und erst einige Tage später losfliegen konnten.

Und schon saßen wir fest. Also entschieden wir uns, ein paar Nächte im Rainbow Hotel im Osten der Stadt zu verbringen, einem Gebäudekomplex, der vom UN Welternährungsprogramm und Mitarbeiten vom Roten Kreuz besucht wird. Wir verbrachten die Tage in der Schwebe, fuhren in billigen, luftigen Jeeps durch Juba und schlichen uns in verstecke Cafés und Bars mit Klimaanlage, in denen die ortsansässige Oberschicht sowie Expats ihre Tage damit verbrachten, guten Kaffee zu trinken und Zeitungen aus fernen Ländern zu lesen. Wir bekamen schnell mit, dass viele Ausländer sich nicht wirklich mit der lokalen Bevölkerung abgeben, sondern diese noblen Treffpunkte bevorzugen - elegante, moderne Gebäude, die wie Fremdköper aus der Stadt herausstechen. Leider mussten auch wir wegen der kritischen politischen Situation so nah wie möglich an unserem Hotel bleiben.

Die schmalen Straßen waren voller UN- und NGO-Fahrzeugen und vor den wenigen Tankstellen standen dauernd Autos und Menschen in lange Schlangen. Es gab eine strenge Ausgangssperre ab 19 Uhr, die regelmäßig von Militärstreifen kontrolliert wurde.  Man konnte eine ständige Anspannung fühlen und ich sah in den Augen aller Menschen die ich traf ein gewisses Misstrauen.

 

TAG 2

Ein weiterer Morgen in Juba. Wir erfuhren, dass selbst unser verschobener Zeitplan zu optimistisch war.

Joan versuchte erfolglos einen bezahlbaren Flug nach Boma zu organisieren. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass der Südsudan die letzten 5 Jahrzehnte in viele bittere Bürgerkriege verwickelt war, in denen mehr als 50 verschiedene Bevölkerungsgruppen um Freiheit, Macht und Stabilität gekämpft haben. Und schlimmer noch, die ethnischen Spannungen könnten das Land noch weiter schädigen. Es gibt inzwischen ein brüchiges Friedensabkommen zwischen dem bevollmächtigten Dinka-Stamm und dem Volk der Nuer, von dem niemand weiß, ob es halten wird.

Die Folgen der Coups und hitzigen Kämpfe haben auch dazu geführt, dass die staatliche Infrastruktur bestenfalls instabil ist, was auch die südsudanesischen Fluglinien in dieser Zeit nicht gerade verbessert hatte.

Also mussten wir kreativ sein. Unsere einzige Chance war es, uns an den ehemaligen Gouverneur der Boma-Region zu wenden - den stellvertretende Verteidigungsminister Lt. Gen. Yauyau David Jankuch - und ihn darum zu bitten, uns auf unserer Reise zu begleiten, damit er uns einen Flug in den Boma Nationalpark vermitteln konnte.

Es stellte sich heraus, dass Joan die Schwierigkeiten unserer Reise vorhergesehen hatte und bereits einige Monate zuvor mit dem General Kontakt aufgenommen hatte, wohlwissend, dass wir nur ernsthaft in dieser Region reisen konnten, wenn wir die Unterstützung eines hochrangigen Politikers hatten.

Bevor wir wussten, wie uns geschah, saßen wir dem wiederwilligen General beim Abendessen gegenüber und versuchten ihn dazu zu bringen, uns spontan zu begleiten. Zu unserer Überraschung schafften wir es, ihn zu überreden. Wir platzen fast vor Aufregung. Während dem gesamten Abendessen saß ich direkt neben dem General, der wirklich nett und aufgeschlossen war. Er hatte tiefe Lachfalten und helle, freundliche Augen.

Es ist für mich immer noch seltsam, daran zu denken, dass dieser Mann während dem blutigen Bürgerkrieg im Sudan ein aktiver Anführer war und schreckliche Gewaltverbrechen miterlebt hat.

Am Ende des Treffens machten wir aus, am Dienstag beim ersten Tageslicht nach Boma aufzubrechen.

Auf unserer letzten Fahrt vom Restaurant zurück zum Rainbow Hotel konnten wir endlich die Stadtteile außerhalb des Bezirks, in dem sich die Expats aufhalten, besuchen. Durch den angespannten Frieden zur Tageszeit und die strenge Ausgehsperre ab 19 Uhr waren die Straßen gespenstisch still. Auf unserer kurzen, sieben Kilometer langen Fahrt passierten wir mehr Polizeikontrollen als ich zählen konnte, die alle unser Auto nach versteckten Waffen durchsuchten und jede unserer Bewegungen genau beobachteten.

Zum ersten mal wurde mir bewusst, wie prekär die Stabilität der Hauptstadt wirklich war.

Wegen der Spannungen wurden wir nachdrücklich darum gebeten, keine Fotos zu machen. Meine Kamera lies ich in meinem Rucksack. Alles was von dieser Zeit geblieben ist, sind diese Worte.

 

TAG 3

Unser dritter Tag begann im Büro des südsudanesischen Ministeriums für Verteidigung und Veteranen. Wir besuchten den Minister in seinem Büro, besprachen letzte Einzelheiten und erhielten die offizielle Erlaubnis für unsere Expedition in den Boma Nationalpark. Am vorherigen Abend hatte der Minister uns im Gegenzug um einen Gefallen gebeten. Er hatte uns erzählt, dass er sich für Kriegsveteranen einsetzt, indem er ihnen Fortbildungen in Büro- und Computerarbeiten ermöglicht. Aber als ein junges Land, das immer noch mit den Folgen des jahrzehntelangen Krieges zu kämpfen hat, hat seine Regierung nicht genügend finanzielle Mittel dafür.

Gemeinsam entschieden wir uns dazu, die Menschen im Veteranenzentrum zu fotografieren, in der Hoffnung, dass ihre Geschichten Unterstützung von Sympathisanten bringen werden. Man vergisst so schnell, dass die Nachrichtenberichte über Konflikte und wirtschaftliche Probleme mehr als nur Statistiken sind. Dahinter stecken echte Menschen, Menschen wie deine Nachbarn, deine Kinder und deine besten Freunde. Diese Menschen haben einfach nur Pech gehabt und einen furchtbaren, blutigen Krieg geerbt. Wir hofften, dass die Porträts die Welt daran erinnern würde, die Menschen hinter den Statistiken zu sehen. Im Hinterhof des Veteranenzentrums fotografierten wir so viele Kriegsveteranen wie möglich.

Als wir an diesem Abend heimfuhren, wurde mir bewusst, wie unwirklich sich das alles anfühlte. Die meisten unserer Abenteuer fanden bisher immer ohne Genehmigung der Regierung statt. Meine erste Reaktion war es immer, mich vor dem Militär zu verstecken, mich im Gebüsch zu verstecken, meine Kameraausrüstung unter weiten Jacken zu verbergen und immer unterm Radar zu bleiben. Und jetzt? Jetzt wurden wir in offiziellen Militärautos herumkutschiert und waren dauernd von bewaffneten Soldaten begleitet. Nach einiger Zeit gewöhnte ich mich erschreckend gut daran, von AK-47 umgeben zu sein.

 

Zweiter Halt: Boma

TAG 4

Um 5.30 Uhr klingelte mein Wecker. Ich duschte noch ein letztes Mal, stopfte meine Ausrüstung in meinen Rucksack und dann machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Wir hatten geplant um 7 Uhr loszufliegen, um im guten Licht ein paar Fotos zu machen, aber wir hoben (wer hätte das gedacht) erst drei Stunden später ab. Auf der anderen Seite umgingen wir so die unzähligen Sicherheitschecks und durften die Zeit in einer etwas protzigen VIP Lounge verbringen und mit General Yauyau und ein paar anderen Ministern sprechen, und genossen den raren Komfort einer Klimaanlage.

Schließlich wurden wir in ein kleines, verwittertes Passagierflugzeug verfrachtet. Wir verbrachten zwei Stunden in der Luft und überquerten weite Ebenen, bevor wir uns dem Boma Nationalpark näherten, der in ein außergewöhnliches Grün getaucht war, spärlich mit rotbraunen Bergen betupft.

Die Piloten waren völlig unbekümmert undliessen uns sogar im Cockpit filmen und Szenen der Landschaft unter uns festhalten, eingerahmt von den kalten, metallenen Bullaugen des Flugzeuges.

Als wir landeten, begrüßte uns eine kleine Menschenmenge und nach einer kurzen Tour durch dasTier- und Naturschutzzentrum von Boma stieg General Yauyau wieder in das Flugzeug, mit dem Ziel seine Familie in einer benachbarten Region zu besuchen.

Wir aber reisten noch weiter. Ich zwängte mich mit sieben Soldaten auf die Ladefläche eines Pickup-Trucks, die alle eine AK-47 an sich trugen, und wir fuhren gen Osten, tiefer nach Boma hinein. Starker Wind zerzauste meine Haare und wirbelte Staub hinter unserem Auto auf. In diesem Chaos aus Gewehren und Männern stellte ich mir vor, wie sich Soldaten kurz vor einem Kamp fühlen müssen - eine kurzlebige Euphorie vor der Schlacht, wenn man sich noch sicher und unbesiegbar fühlt und die anderen Soldaten wie Brüder scheinen.

Nach ein paar Stunden erreichten wir während der goldenen Stunde endlich Boma. Wir warfen unsere Rucksäcke auf den Boden und schlugen unsere Zelte auf.

 

TAG 5

An diesem Tag sollten wir den Kachipo-Stamm treffen, aber vorher mussten wir noch eine Entscheidung treffen. Wir hatten die Wahl zwischen der langen, sicheren Strecke zu ihrem Dorf, und der kurzen, gefährlichen. Die erste Route war eine recht lange Wanderung, die ein paar Tage dauern konnte. Die zweite war ein viel kürzerer Marsch, allerdings erforderte er das Besteigen einer 1000 Meter hohen Gebirgswand. Wir wählten die kurze Stecke, was sich bald als falsche Entscheidung herausstellen sollte.

Nach den ersten 200 Metern Aufstieg fühlte sich Markus zittrig und schwindlig. Die Soldaten nahmen ihm den schweren Kamerarucksack ab und wir liefen weiter. Es ging ihm zunehmend schlechter und er konnte nur noch kurze Stücke klettern. Ich hatte Mitleid mit ihm und fragte mich, wie er sich fühlte. Die Frage klärte sich, als auch mir nach 400 weiteren Metern schwindlig und schlecht wurde. Es war außerdem ziemlich heiß und die Sonne knallte erbarmungslos auf unsere Rücken.

Ich dachte, es könne nicht mehr schlimmer werden. Dann ging uns auf halben Weg das Wasser aus.

Es war alles ziemlich eigenartig, weil Markus und ich in ziemlich guter Verfassung waren. Immerhin habe ich schon so einige Berge bestiegen, auch als ich dehydriert war.

Es war schnell klar, dass wir auf unserer Reise irgendeinen Virus oder Bakterien abbekommen hatten. Also kämpften wir uns widerwillig weiter. Wir dachten nicht mal daran, umzukehren. Eine Zeit lang ging es gut, aber auf 650 Metern kollabierten Markus und ich beide. Ganz offensichtlich würden wir es nicht ohne Wasser weiter schaffen. Also entschieden wir, dass Joan, Fabi und die Soldaten sich weiter voran wagen würden, um Hilfe zu holen.

Und wir? Wir legten uns drei Stunden lang einfach mitten auf den Pfad, schauten in die Wolken und versuchen ein wenig Energie zu sammeln. Mitmutlosem Blick beobachtete ich, wie die leichte Brise in den Bäumen spielte und hörte dem Gesang der Vögel zu. Aber dann sah ich aus dem Augenwinkel etwas farbiges hervorblitzen und plötzlich beugten sich drei Kachipomänner über mich, in ihre traditionellen lila, grün und bräunlich gefärbten Tücher gekleidet.

Ich schrie in meinem fiebrigen Zustand fast vor Glück. Sie hatten einen fünf Liter-Kanister voll Wasser mitgebracht. Ich hätte unsere Retter küssen können. Als ich ein paar große Schlucke Wasser trank, schaute ich in all ihre freundlichen Gesichter und grinste. Der Älteste tauchte seine Hände feierlich ins Wasser und wischte vorsichtig den Dreck aus meinen Augenbrauen und Haaren.

Ich hatte mir unsere Begegnung natürlich ein wenig anders vorgestellt (etwas formeller und würdevoller vielleicht, zum Beispiel in ihrem Dorf, auf beiden Beinen, händeschüttelnd). Aber alle Formalitäten beiseite war es so viel besser, da unsere Retter schnell zu Freunden wurden.

Expertentip für alle, die im Ausland Freunde finden wollen: Jemanden vor dem akuten Verdursten zu retten, ist ein guter Weg zu schnellen Freundschaften.

Nachdem wir genug getrunken hatten, kletterten wir weiter. Langsam. Wir kämpften uns 20 Meter hoch, ruhten fünf Minuten lang, kletterten und lagen schon wieder da. Es sah nicht wirklich ruhmreich aus, aber es klappte. Es kommt mir inzwischen alles ein bisschen verschwommen vor, aber ich erinnere mich, dass ich irgendwann auf den Schultern des ersten Kachipo den ich kennengelernt hatte, getragen wurde, der der meine Haare gewaschen hatte. Später kraxelten wir ein paar Meter auf unseren Knien vorwärts. Nach zwei langen Stunden erreichten wir endlich den Eingang des Dorfes und fielen in die Zelte, die unsere Freunde bereits aufgebaut hatten.

 

TAG 6

In dieser Nacht hatte ich Albträume, die an Halluzinationen grenzten. Am nächsten Tag blieben Markus und ich benommen und krank in unserem Zelt zurück, während Fabian, Joan und Juliana das Dorf erkundeten, sich mit Mitgliedern des Kachipo-Stammes trafen und die Gegend auskundschafteten.

Es stellte sich heraus, dass die einzige Wasserquelle des Dorfes 15 Minuten Fußweg entfernt war. Wir mussten das trübe, braune Wasser filtern und mehrmals kochen, um es trinken zu können.

Während meines Krankentages im Zelt las ich “Das Öl, die Macht und Zeichen der Hoffnung” vom deutschen Entwicklungshelfer Klaus Stieglitz, der enthüllt hatte, dass im Norden des Südsudans das Trinkwasser von mehr als 300.000 Menschen verschmutzt worden war.

Verschiedene Firmen haben dort ungehindert von Umweltschutzgesetzen im Unity State willkürlich nach Öl gebohrt und routinemäßig ihr Abwasser ins Grundwasser sickern lassen, was natürliche Bewässerungssysteme sowie das Trinkwasser für zahlreiche Stämme verschmutzt hat.

Bei Untersuchungen von Wasserproben haben Wissenschaftler hohe Konzentrationen von schädlichen Schwermetallen gefunden. Noch schlimmer war allerdings ihr Fund, dass der Salzgehalt des Wassers acht mal höher als der von sauberem Trinkwasser ist. Das bedeutet, dass das salzige, verschmutzte Wasser stark gefiltert werden muss, weil es sonst den Konsumenten vollkommen dehydriert.

Einer der größten Ölkonzerne in der Region ist der malaysische Formel 1-Sponsor Petronas. Der Konzern hat Millionen damit gemacht, jeden Tropfen Öl aus den sudanesischen Reserven zu ziehen. Aber trotzdem hat die Firma keinerlei Interesse daran, eine saubere, umweltfreundliche Abwasserentsorgung zu entwickeln. Warum sollte sie auch? Giftiges Grundwasser im Sudan betrifft keine ihrer ausländischen Aktionäre.

Während unserem ganzen Aufenthalt auf dieser Kachipo-Bergkuppe hatten wir keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, was uns einen kleinen Einblick in die tagtägliche Situation von 300,000 Sudanesen gab. Die unschuldige Bevölkerung ist für einen Profit vergiftet worden, den sie nie zu Gesicht bekommen wird.

 

TAG 7

Der heutige Morgen begann mit einer Feier - wir wurden offiziell mit einem Kachipo-Willkommenstanz und Donga (einer Zeremonie, die die Kraft und den Mut der Männer beweist) vom Stamm willkommen geheißen, was alles in allem mindestens drei Stunden dauerte. Meine Gesundheit hatte sich bis dahin ein wenig verbessert und ich fragte mich, ob es nur einen aufmunternden Willkommenstanz gebraucht hatte, um meine Beschwerden zu heilen. Markus kämpfte immer noch gegen Frösteln und Kopfschmerzen, sodass sich die spirituellen Frauen der Gemeinde versammelten und die Götter anflehten, ihren fremden Freund zu heilen.

Wir interviewten noch einige Stammesmitglieder und erfuhren, dass wir ihre ersten weißen Besucher waren. Das war ziemlich überwältigend - wann hat dir das letzte mal jemand erzählt, dass er noch nie jemanden gesehen hat, der so aussieht wie du? Später an diesem Abend wurden Markus, Fabian und ich auf ein zerklüftetes Plateau geführt, von dem aus wir den gesamten Boma Nationalpark überblicken konnten. Die spirituelle Heilung der Frauen brauchte wohl ein paar Tage bis ihre Wirkung einsetzte, denn Markus war immer noch ziemlich schwach. Er verbarg es aber sehr gekonnt. Obwohl er quasi halbtot war, war er hier auf der Bergkuppe und machte im besten Licht ganz atemberaubende Bilder. 

In diesem Moment wurde mir bewusst, dass Fotografie für Markus wie Atmen war. Unverzichtbar. Lebensspendend. Unaufhörlich. Ich schwöre, dass er wahrscheinlich von einem Fels fallen könnte, sich beide Arme brechen, und immer noch die umwerfendsten Fotos machen würde.

 

TAG 8

Heute standen wir mit Tagesanbruch auf und begannen einen langen Tag voller Filmen. Fabi, Markus und ich begannen den Tag mit Portraits der lokalen Dorfbevölkerung. Wir machten viele Pausen und Markus gab seine sperrige Spiegelreflexkamera oft den Stammesmitgliedern, damit sie Fotos von Freunden und ihren Familien machen konnten.

Nach ein paar Stunden besuchten Fabi und ich eine Familie am Rande des Dorfes, die uns freundlicherweise erlaubte, ihr Haus zu besichtigen. Es war ziemlich klein, nur drei Meter breit und einen Meter hoch. Wir mussten alle hineinkrabbeln. Aber das war für die Bewohner kein Problem, da das Haus sowieso nur als trockener Ort diente, an dem man ein bisschen Schlaf bekommen konnte.

Den restlichen Tag erkundeten wir das Dorf und nahmen Stunden an Filmmaterial auf. Aber als die Sonne hinterm Horizont verschwand, wurde uns leider klar, dass wir wieder aufbrechen mussten. Wir wären gern länger geblieben, aber das Wasser dort war nicht unbedingt förderlich für unsere rätselhafte Infektion. Also packten wir unsere Ausrüstung, verabschiedeten uns herzlich und machten uns auf den mühsamen Rückweg.

Joan hatte uns und den Soldaten zum Glück zwei Männer des Jie-Stammes mit 20 Flaschen Cola entgegen geschickt, die wir auf halbem Weg trafen - eine Überraschung für seine dehydrierten Gefährten.

 

Dritter Halt: Jie

TAG 9

Am nächsten Morgen fanden wir uns im Jie-Dorf wieder, das einen Stamm beheimatet, der sich von seinen Traditionen und seiner Geschichte abgewendet hat, um ein westliches Lebenzu führen. Auf Grund ihrer Verwestlichung erinnern sich viele Stammesmitglieder nicht mehr an ihr kulturelles Wissen und haben die Taktiken, um von ihrem Land zu leben, verlernt. Und da es an Arbeitsmöglichkeiten und Nahrungsmittel mangelt, sind sie inzwischen von internationalen Ernährungsprogrammen abhängig.

Wir begegneten einer erschreckend großen Anzahl ausgehungerter und von dauernder Armut geplagter Menschen. Also suchten wir in unseren Taschen nach Essen und verteilten es. Es war nicht mal annähernd genug und die Geste, ein paar Scheiben Brot an eine Gruppe von Kindern zu verteilen, fühlte sich so wahnsinnig unzureichend an. Nach einiger Zeit mussten wir wieder gehen und begannen die zwei Kilometer lange Wanderung durch die glühend heiße Savanne zu unserem Base Camp. Wenn man in einem Land mit gemäßigtem Klima wie Deutschland aufgewachsen ist, ist es schwer sich vorzustellen, hier zu überleben oder gar zu leben. An jenem Abend schlachteten unsere Gastgeber eine Ziege und brieten sie in ihrem eigenen Fett über einem großen Holzofen.

TAG 10

Nachdem es nachts stark geregnet hatte, wurde unsere 10 Kilometer lange Reise zu einer schlammigen Angelegenheit und die Fahrt zurück zur Landebahn fühle sich an wie eins dieser unrealistischen Computer-Rennfahrspiele. Als wir endlich das Rollfeld erreicht hatten, stiegen wir in das Buschflugzeug und flogen in die angrenzende Region, um Minister Yauyaus Heimatdorf zu besuchen. Die Landebahn des Dorfes war so kurz und holprig, dass ich mir sicher war, wir würden eine Bruchlandung machen. Unser kurzer Besuch verlief unspektakulär und nachdem wir etwas Eintopf mit dem Minister gegessen hatten, stiegen wir zurück ins Flugzeug nach Juba.

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Vierter Halt: Der Weiße Nil

TAG 11-12

Nach einer kurzen Atempause in Juba machten wir uns Richtung Norden auf, um die nomadischen Hirten des Sudans zu treffen - das Volk der Mundari. Sie ließen ihre riesigen Herden an den Ufern des Weißen Nils neben ihrem derzeitigen Dorf weiden. Nachdem wir 70 Kilometer gefahren waren, schlugen wir unsere Zelt an der Mündung des Weißen Nils auf und machten uns mit unseren Kameras in der Hand auf zu den Rinderherden der Mundari.

Wir erfuhren, dass nur die junggeselligen Männer eines Stammes als Nomaden leben und die wandernden Herden hüten, während die Familien und Alten das ganze Jahr über im Dorf leben. In einem unserer Interviews erzählte uns ein junger Hirte, dass diese Tiere “sein Leben” seien. Ein anderer Mundari erwähnte augenzwinkernd, dass Heiraten der einzige Weg war, dem Hirtenjob zu entkommen.

Im Rinder-Camp nahmen uns die Mundari auf eine Tour durch ihre minimalistischen Häuser mit.  Mittags verbrachten wir mit den Kindern Zeit, die Kuhmist verbrannten, die Asche auf den Tieren verrieben und sogar ihre eigenen Arme und Beine damit bedeckten, um die Moskitos fernzuhalten. Ein Mundari betonte, dass man sich, bevor man ein anderes Dorf besucht, am besten mit etwas Asche einreiben und um sicher zu gehen auch noch eine Hyänenhaut überziehen sollte, damit niemand anfängt einen zu bekämpfen. Ein weiteres Stammesmitglied fügte hinzu, dass die Asche auch als Seife verwendet wird.

In der Dämmerung holten sie ihre Herden nach Hause, die aus allen Richtungen ins Dorf strömten. Zwei Stunden lang summte und vibrierte der Boden, als 700 Paar Hufe der Ankole-Watusi während dieser Massen-Heimkehr über den Boden stapften. Die langsamen Tritte der Tiere wirbelten Aschewolken auf, die in der untergehenden Sonne leuchteten.

 

TAG 13

Am nächsten Tag flog ich meine Drohne über das Dorf und fing skurrile Bilder der Mundari-Herden ein, wie sie entlang des Nils weideten. Wie immer weckte meine Drohne die Neugier von ein paar Stammesangehörigen und etwas später zeigte ich den Hirten wie ihre Tiere und Häuser aus der Vogelsicht aussahen. Als alle anderen sich wieder an die Arbeit machten, setzten wir uns unter das Laubdach eines Baumes, um zu lesen, ein Nickerchen in der Morgensonne zu halten und den Blick auf die fremdartige Prärie zu genießen.

Abends kehrten wir ins Dorf zurück und filmten die Mundari beim Wrestling (neben Fußball die Lieblingsfreizeitbeschäftigung der Mundari). Wir beobachteten die Stammesangehörigen auch dabei, wie sie einander wunderschöne, verwobene geometrische Muster auf die eingeriebene Haut aufmalten.

 

TAG 14

An unserem letzten Tag besuchten wir eine einfache Kirche, die umherziehende Missionare vor langer Zeit für die Mundari gebaut hatten. Pünktlich jeden Nachmittag füllte sich die Kirche mit Stammesmitgliedern, deren melodische Gebetsgesänge über die staubige Ebene bis zu den grasenden Ankole-Watusi drangen. Es war ein ernüchternder und zugleich wunderschöner Moment.

 

TAG 15

Am Morgen unserer Abreise waren wir immer noch im Rinder-Camp am Weißen Nil. Wir verbrachten noch etwas Zeit im Dorf und machten ein paar letzte Fotos von den staubigen Ebenen im pinken und blauen Morgenlicht. Wie immer lief uns die Zeit davon und unser Abschied von den Mundari war kurz, wie es Verabschiedungen so an sich haben. Es stellte sich heraus, dass auch das Volk der Mundari bald weiterziehen würde. Nicht mehr lange, bis sie ihre gewaltigen Herden in die nahegelegenen Berge treiben würden, da die Ebene bald unter Wasser stehen würde.

Und schon waren wir wieder unterwegs. Wie erwartet wurden wir von unzähligen Polizisten angehalten, die zum letzten Mal an unserer Reisegruppe verdienen wollten. Aber Mayong (der Sekretär des Ministers und unser inoffizieller Wächter) wies die fragwürdigen Polizisten einfach ab und befahl ihnen, uns vorbei zu lassen. Es funktionierte. Dank ihm erreichten wir den Flughafen gerade noch rechtzeitig, um uns kurz unter der Klimaanlage der VIP Lounge auszubreiten und das völlige Chaos in Afrikas schlimmstem Flughafen zu umgehen.

 

Danach

Es gibt keine einfachen Lösungen für all die Probleme mit denen der Südsudan zu kämpfen hat. Zudem die Situation immer katastrophaler wird, da ungefähr die Hälfte der 11 Millionen Menschen großen Bevölkerung von einer Hungersnot gefährdet ist; und die Inflation mit 300% das Land im Prinzip in die Insolvenz führt. Das Land ist reich an natürlichen Ressourcen, aber globale Unternehmen haben alle Gewinne für sich beansprucht und dabei als Dank das Wasser im Südsudan vergiftet.

Es ist überwältigend, aber auch wenn der Konflikt kompliziert ist, so ist er doch nicht hoffnungslos. Hier deshalb einige Ideen, wie du etwas bewegen kannst.

1. Informiere dich über das Thema und lies “Das Öl, die Macht und Zeichen der Hoffnung” vom deutschen Entwicklungshelfer Klaus Stieglietz.

2. Versuche, weniger Benzin zu verbrauchen! Letztendlich ist es unsere Nachfrage nach Öl, die diese Menschenrechtsverletzungen vorantreibt.

3. Spende an Organisationen wie Oxfam, die Menschen in Not mit Nahrungsmitteln versorgen.

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