geschrieben von Tyler Merkel (basierend auf Notizen und Interviews mit Simon Straetker)

Vorher

Sibirien: Ein weit entfernter Ort, an dem die Landschaft von nie schmelzendem Permafrost bedeckt ist, wo Eisbären und Rentiere die Tundra durchstreifen und wo man den Motor den ganzen Winterlang laufen lässt (außer man hat vor, ihn erst im Frühling wieder zu starten).

Im Frühling 2017 reisten der Greenpeace-Fotograf Markus Mauthe und ich in die Tschukotka-Region, die sich weit nördlich des Polarkreises in Russland befindet. Wir hatten vor, Russlands uralte Rentierhirten zu besuchen: die nomadischen Tschuktschen.

Markus und ich besuchten die Tschuktschen für das letzte Kapitel unserer Dokumentation “Natur und Völker”, die uns zu den verborgensten Winkeln unseres Planeten geführt hatte. Während der letzten zwei Jahre wanderten wir über die staubigen Ebenen des Südsudans, tauchten in Indonesiens aquamarinblauem Wasser und wateten durch schlammige Flüsse im Amazonas Regenwald - all das, um die abgelegensten Völker dieser Erde zu besuchen, die in unserer globalen Welt dahinschwinden.

Der Film hat zum Ziel, die rapiden Veränderungen, die der Klimawandel und andere oft unvorhersehbaren Einflüsse der modernen Welt auf die indigenen Völker haben, zu portraitieren, zu fotografieren und damit begreifbar zu machen.

Allerdings fiel der letzte Abschnitt unserer Reise fast ins Wasser. In Nord-Sibirien machte unser GuideNikolai den Fehler und erzählte den Behörden bevor wir das Land überhaupt betreten hatten, dass wir Filmemacher waren. Das war eine Tatsache, die wir unter allen Umständen geheim halten wollten - Russische Beamte werden ziemlich nervös werden, wenn man sich mit einer Wagenladung Kameraausrüstung in ihr Land trauen möchte.

Deshalb entzog uns die russische Regierung prompt die Reiseerlaubnis und informierte uns, dass wir nicht mal versuchen sollten, unser Flugzeug zu besteigen. Allerdings zu spät - ich war schon auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen, meine Reisetaschen bepackt mit allen Daunenjacken, die ich auftreiben konnte. Es sah nicht gut aus.

Also änderten wir kurzfristig unsere Reiseplanung, flogen stattdessen nach Indonesien und unser deutscher Freund Steffen Graupner half uns dabei, eine neue Einreisegenehmigung zu erhalten (sprich, er überzeugte die russische Regierung davon, dass wir nicht vorhatten irgendein Exposé über Putin zu drehen). Er fand einen diskreten Guide für uns - Michael Rezyapkin. Aber unsere neue Reisegenehmigung umfasste strenge Bedingungen. Erstens durften wir unsere Schneemobile nicht selbst steuern. Zweitens war aus unserer fünf Wochen langen Expedition tief nach Sibirien hinein ein zweiwöchiger Ausflug geworden. Und zuletzt durften wir niemandem, erst Recht nicht der Zollbehörde, erzählen, dass wir Filmemacher sind.

Lügen und Schmiergelder

Was passierte uns gleich als erstes? In der Minute, in der wir in Moskau landeten, fanden die russischen Zollbeamten heraus, dass wir Filmemacher waren. Wie hätte es auch anders kommen sollen.

Wir behaupteten hartnäckig, dass wir Touristen sind, aber sie fielen nicht darauf hinein. Wir starrten uns eine Minute lang in die Augen. Dann wurden wir in einen leeren weißen Raum ohne ein Körnchen Staub oder Hoffnung geführt und diskutierten ganze zwei Stunden lang. Schließlich forderten die Beamten einen großen Teil unseres Geldes. Wir entgegneten ihnen, dass wir eher heimfahren würden, als Schmiergeld zu zahlen. Markus war verärgert und ich packte in Gedanken schon meine Taschen. Wir steckten in einer Sackgasse.

Aber das Glück war auf unserer Seite. Nachdem wir uns minutenlang schweigend angestarrt hatten, ließ uns einer der Beamten einfach gehen. So als wäre das ganz normal, als hätten wir uns freiwillig ausfragen lassen. Ich stolperte benommen aus dem Raum und hatte fast das Gefühl, dass sie uns aus Spaß geärgert hatten. Ich hoffte nur, dass die Ausreise ein bisschen einfacher werden würde. Wenn sie uns überhaupt gehen ließen!

 Willkommen in Tschukotka

Nach all diesen Umständen ließen wir die Stadt so schnell es ging hinter uns und erwischten einen Flug nach Anadyr, der Hauptstadt der Tschukotka-Region und gleichzeitig die östlichste Stadt Russlands. Dieser einzigartige Flug von Moskau nach Anadyr dauerte neun Stunden, was ihn zum drittlängsten Inlandflug der Welt macht. Das Flugzeug war brechend voll, ziemlich überraschend, wenn man bedenkt, dass in der Tschukotka-Region gerade mal 40.000 Menschen leben.

Als wir im Sinkflug die Wolken hinter uns ließen, bekamen wir den Flughafen von Anadyr zu Gesicht. Wir sahen eine karge Ansammlung von grauen Gebäuden mit türkisblauen Oberlichtern, den einzigen Farbtupfern in der endlosen Tundra. Es war bereits Frühling mit Temperaturen um die minus 5°C und dicke Grasbüschel schauten aus dem Eis und Schnee hervor.

Als wir landeten, war unser Flugzeug völlig allein auf der eisglatten Rollbahn, mal abgesehen von fünf Militärhubschraubern, die in einer Ecke standen.

Draußen wartete unser neuer Guide und Dolmetscher Michael auf uns, gemeinsam mit Maxim Rozgon (Max) und Alexander Makarov (Sasha), die unsere Schneemobile fahren sollten. Der Flughafen befand sich am Ufer des Flusses, der mitten durch Anadyr fließt. Bevor wir ihn überquerten, entschieden wir uns dazu, eine verlassene Militärbasis am Rand der Stadt zu erkunden. Wir wanderten durch die maroden Soviet-Kasernen, Lagerräume und Geräteschuppen, deren Räume komplett von Schnee und Eis bedeckt waren. Als wir uns durch die Berge von Schnee kämpften, fanden wir allerhand Glasscherben, verbogenes Besteck und eine alte ramponierte Filmrolle.

Danach machten wir uns auf den Weg in die Stadt. Anadyr liegt in einer Bucht und ist durch einen Fluss ohne jegliche Brücken vom Flughafen getrennt, sodass wir über die vereiste Oberfläche des Flusses fuhren, die durch die Frühlingswärme immer matschiger wurde. Ich fragte mich, wie viele Tage wir hatten bevor unser Rückweg wegschelzen würde?

Zu diesem Zeitpunkt unserer Reise planten wir, so schnell wie möglich Richtung Polarmeer zu kommen und auf dem Weg hoffentlich irgendwo auf die Rentierhirten zu treffen.

Aber bevor es losgehen konnte, mussten wir unsere Schneemobile in Anadyr testen. Also fuhren wir zu einem gefrorenen (aber stetig schmelzenden) See. Wir hatten insgesamt drei Schneemobile. Michael bekam eins für sich allein, während ich bei Max mitfuhr und Markus sich eins mit Sasha teilte.

Schon während der ersten fünf Minuten fiel Michael um und Max (der offensichtlich unser Schneemobilexperte war) raste mit mehr als 60 km/h herum, sprang über Schneewehen und schlitterte über das blaue Eis.

Nachdem wir unsere Fahrzeuge ausgiebig getestet hatten, entdeckten wir Fischer auf der anderen Seite des Sees. Wir fuhren hinüber und sahen, dass sich dort um die 100 Menschen mit zwanzig großen Offroad-Autos auf dem Eis versammelt hatten. Das Eis sah mit all den Angellöchern aus wie Schweizer Käse. Michael erzählte uns, dass sie alle nur zum Spaß angelten, da das nach Kino und Sauna die drittbeste Freizeitbeschäftigung sei.

Trotz allem machten diese Angler mit 100 Fischen am Tag einen beeindruckend großen Fang. Ich versuchte 10 Minuten lang mein Glück, fing aber rein gar nichts. Stattdessen aß ich mit einem erfolgreicheren Fischer getrockneten Fisch. Es war halb elf, die Sonne wurde schwächer und da die Temperaturen unter minus 5 Grad sanken, entschloss ich mich zurück zu fahren und fünf weitere Lagen Daunenjacken anzuziehen. Außerdem mussten wir in 3 ½ Stunden schon wieder mit der Sonne aufstehen.

Abfahrt

Eine Abfahrt bei Sonnenaufgang war vielleicht ein bisschen zu optimistisch gewesen. Wir brauchten zwei Stunden, um unsere Schlitten zu bepacken, die aus einem einzigen Durcheinander aus Seilen, Decken und Benzinkanistern bestanden. Die Expedition begann auf unserem Übungs-See. Bereits nach 20 Kilometern stießen wir auf die erste Hürde: der elektronische Chip von Michaels Schneemobil war schon zum achten Mal ausgefallen und wir entschieden, dass Max nach Anadyr zurückfahren würde, um den Chip auszutauschen, während wir weiterfuhren. Es wäre ein guter Plan gewesen, wenn irgendeiner von uns auch nur die geringste Orientierung gehabt hätte.

Als Max uns später am Nachmittag einholte, waren wir vier Stunden lang im Kreis gefahren und hatten gerade mal 30 Kilometer zurückgelegt. Mithilfe der wiedergewonnen Orientierung rasten wir die nächsten 130 Kilometer lang durch dichte Nebelwolken und an zerklüfteten Bergen vorbei. Als wir am Abend in Uelkal ankamen, war mein gesamtes Gepäck leider komplett durchnässt. 

Am nächsten Tag fuhren wir 100 Kilometer und ich übernahm sogar für den größten Teil das Steuer (wer sollte sich hier in der sibirischen Tundra schon beschweren?).

Auf dem Weg trafen wir auf ein paar Einheimische mit dem gleichen Ziel wie wir - mit dem einzigen Unterschied, dass sie mit einem Panzer unterwegs waren und dadurch eine ganze Woche für die Strecke brauchten, die wir in einem Tag zurückgelegt hatten.

 

Amguema, Gulags und Vodka

Auf dem Weg nach Amguema überquerten wir den Polarkreis und nahmen an einer typisch russischen Tradition teil: Wodka trinken. Aber um ehrlich zu sein, brauchten unsere russischen Mitreisenden sonst gar keinen besonderen Anlass zum Trinken.

Auf dem Weg entdeckten wir einige verlassene Gulags, die schon halb vom Schnee begraben waren. Später erfuhr ich, dass die russische Regierung schon 1779 einen langen, erfolglosen Kampf gegen die Tschuktschen begonnen hatte. In den 1760er Jahren gaben die Russen dann auf und beschlossen, den Krieg zu beenden, wenn die Tschuktschen einwilligten, keine Siedler mehr anzugreifen und ihre Steuern in Form von Fellen zu begleichen. Allerdings wurden die Tschuktschen in den 1930er Jahren gezwungen, in eine vom Staat kontrollierte Kollektive umzusiedeln (sozialistische Siedlungen in denen Arbeit und Lohn komplett vom Staat kontrolliert waren).

Zu dieser Zeit wurden außerdem Millionen Sowjetbürger verhaftet und in die neu erbauten Gulags mitten in die Tschukotka-Region verfrachtet. In diese Arbeitslager wurden nicht nur echte Kriminelle wie Diebe und Mörder gebracht, sondern auch politische Gegner (echte Kritiker des Sowjetregimes genauso wie Unschuldige, die aus völlig absurden Gründen von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet wurden). Wer drei mal zu spät zur Arbeit kam, musste während Stalins Herrschaft zum Beispiel bis zu drei Jahre ins Gefängnis. Oder man wurde für einen harmlosen Witz über die kommunistische Partei 25 Jahre lang in die Tundra gesteckt, um Beeren zu sammeln.

Während wir unsere Augen über diesen trostlosen Anblick schweifen ließen, erzählte uns Michael, dass es nicht die kalten Temperaturen allein waren, die die Insassen umbrachten. Tödlicher waren unvorhersehbare Temperaturschwankungen. Ein Gefangener konnte bis zu minus 40 Grad überleben, wenn er genug Zeit hatte, sich daran zu gewöhnen. Aber wenn die Temperatur über Nacht von minus 10 auf minus 40 Grad fiel, erfroren viele Menschen. Gegen 21 Uhr kamen wir dann in der Stadt an.

Amguema ist eine besondere Stadt - dort leben nämlich die Kinder der Rentierhirten. Während ihre Eltern mit den Rentierherden in der Tundra unterwegs sind, besuchen die Kinder das Internat in der Stadt und erhalten eine zeitgemäße Ausbildung, surfen im Internet, schauen Hollywoodfilme und spielen Videospiele.

Manche der Kinder werden ihre Eltern nie in die eisigen Weiten der Tundra begleiten. Sie haben die Möglichkeit zu studieren, Arzt zu werden, oder zum russischen Militär zu gehen. Bei all den Optionen, die sie haben, gibt es nur wenige Gründe, sich für ein einfaches Nomadenleben zu entscheiden.

Das Rentierhirten-Internat

Der Direktor der Schule gab uns eine Führung durch das Internat. Alles schien sehr neu (was man von einer Schule am Ende der Welt nicht unbedingt erwartet hätte). Die Bücher hatten keine Eselsohren und die Chemieräume sahen ziemlich modern aus.

Überraschenderweise gab es ein Klassenzimmer, das nur der Kultur der Tschuktschen gewidmet war. Der Direktor erzählte uns, dass die Kinder ausschließlich Russisch sprachen, sodass sie die Sprache ihrer Eltern als Fremdsprache lernen mussten. Das Klassenzimmer war voller Spielfiguren von Schlitten, Rentieren und Fischen, die alle mit einem kleinen Schild mit den tschuktschischen Namen versehen waren.

Als wir das Klassenzimmer betraten, waren dort allerdings keine Schüler. Stattdessen fanden wir sie im Computerraum, wo sie Roller Coster Tycoon und FIFA 2014 spielten. Danach wurde es noch ein bisschen seltsamer. Na gut, viel seltsamer. Viele der Schüler waren in der Turnhalle versammelt, wo manche von ihnen in Militäraufstellung marschierten, während andere in einer Ecke AK-47-Gewehre so schnell wie möglich auseinandernahmen und wieder zusammenbauten. Wir standen völlig sprachlos im Eingang und konnten unseren Augen nicht trauen.

Der Direktor kam zu uns hinüber und erklärte, dass die Schüler für den örtlichen Pfadfinderclub übten. Er erzählte, dass es dieses Jahr noch einen AK-47-Bauwettbewerb gab – anscheinend die sibirische Version eines Fußballturniers oder einer Castingshow. 

Nach unserem Besuch erfuhren wir, dass die Fünfte Brigade (eine Gruppe von Tschuktschen-Hirten und deren Rentiere) ihr Lager nur 60 Kilometer nördlich auf einem Schneefeld aufgeschlagen hatte. So schnell wie möglich sprangen wir auf unsere Schneemobile und fuhren zwei Stunden lang durch den Nebel.

 

Yetti (Hallo) Rentierhirten!

Die meisten Tschuktschen gehen einer von zwei Beschäftigungen nach: Wahlfischfang oder Rentiere hüten. Sie bezeichnen sich dementsprechend als Chauchu (das tschuktschische Wort für viele Rentiere) oder Anqallyt (die maritimen Tschuktschen).

Die maritimen Tschuktschen leben sesshaft in halb-unterirdischen Dörfern, während die Rentier-Tschuktschen schon immer als Nomaden gelebt haben und mit ihren Schlitten, die von Rentieren gezogen werden, von einem Ort zum nächsten ziehen, immer dem grünen Gras nach.

70-SSP_170422_00302.jpg

Als wir die erste Familie der 5. Brigade kennenlernten, war der Frühling schon in ihrem Tal angekommen und es waren nur noch ein paar vereinzelte Eisflächen zu sehen. Ihr großes Winter-Yaranga (ein Zelt aus schweren Rentierfellen und langen hölzernen Balken) war bereits weggepackt. Vor ihrem luftigen Zelt stellte Michael uns Vladimir und Rimma Rultynkeu mit ihrem jugendlichen Sohn Artem vor, die sich um einen dampfenden Topf Tee versammelt hatten. Alle trugen moderne Winterkleidung (dunkle Wollmäntel und Leinenhosen), da Fell nur im tiefsten Winter getragen wurde.

Die Familie schien in tschuktschischer Sommerferienlaune zu sein, glücklich über diese Wärme. Nur Markus und ich gerieten etwas in Panik, weil wir Bilder der Brigade in der eisigen Tundra brauchten, und wie sie mit den kalten Temperaturen zurechtkamen. Zuerst einmal versuchten wir aber unsere Bilder zu vergessen und setzten uns zu unseren neuen Kameraden.

Die 5. Brigade hatte bisher jeden Winter ihres Lebens in der Tundra verbracht, genau wie der Rest der noch ursprünglich lebenden Tschuktschen-Hirten. Wir unterhielten uns ein paar Stunden lang und sie erzählten uns von ihren Wanderungen. In einem Zeitraum von acht Jahren schlagen sie ihr Lager jeden Monat an einem anderen Ort auf und in acht Jahren werden sie wieder in diese Gegend zurückkommen. Bis dahin wird sich das Gras vollständig erholt haben.

Sie erzählten uns auch, dass die Haushaltstätigkeiten streng nach Geschlecht aufgeteilt sind: die Tschuktschen-Männer bewachen die Rentiere beim täglichen Grasen und vertreiben hungrige Bären und Wölfe, die es auf ihre Herde abgesehen haben. Die Arbeit der Frauen besteht aus dem Säubern und Reparieren des Yarangas (das traditionelle zeltartige Haus), sowie kochen, nähen und der Herstellung von beachtlichen Decken aus Rentierhaut.

Wir erkundeten ihr Lager, aber diese Tschukschen-Gruppe hatte statt ihrem vollständigen Zelt nur ein improvisiertes Sommerzelt mit dem traditionellen Polog darin aufgebaut.

Nachdem wir einige Stunden mit ihnen verbracht und reichlich Tee getrunken hatten, machten wir uns auf den Weg nach Osten zu der zehn Kilometer entfernt lebenden zweiten Familie der 5. Brigade, die sich um die männlichen Rentiere kümmerte (die Tiere waren getrennt, da die Weibchen gerade ihre Jungen zur Welt brachten).

Im Lager der zweiten Familie herrschte noch tiefster Winter. Alle waren in Rentierfelle eingepackt und der Boden war von einer dicken Schneeschicht bedeckt.

Wir stellten uns Valerie und seiner Frau vor, machten Fotos von ihrem Lager und zogen ein paar Schlitten herum. Ich flog meine Drohne so lange, bis die Propeller mitten in der Luft einfroren.

Ich war überrascht, wie scheu die Rentiere waren. Sowohl die Männchen als auch die Weibchen haben Geweihe, sodass sie aus der Ferne eher furchteinflößend aussehen. Stattdessen waren sie so schreckhaft wie Hasen und wichen zur Seite wann immer wir uns durch die Herde schlängelten.

Als wir mit Filmen fertig waren, lud uns die Familie in den Polog (das Herz des Zeltes) ein, wo wir zu essen bekamen, uns am Heizstrahler aufwärmten und schließlich auch schliefen. Es war ziemlich gemütlich im Zelt und ich war gerade dabei einzuschlafen, als Michael hineinstürzte und “Polar lights, polar lights!” rief. Wir schälten uns aus den warmen Decken und stolperten zurück in die Kälte, um die Polarlichter zu beobachten, die den Himmel in ein ätherisches Neongrün tauchten.

Nachdem wir uns etwas von der Aufregung beruhigt hatten, wärmten wir uns mit gekochter Rentierfleischsuppe auf und legten uns in Daunenjacken wieder auf den flauschigen Boden des Pologs.

Am nächsten Morgen frühstückten wir bei Vladimir, der uns einiges Interessantes erzählte: die Brigade (eine wirtschaftlich unabhängige Einheit von nomadischen Tschuktschen) bestand aus zwei Familien. In diesem Fall waren das insgesamt fünf Mitglieder. Wir fanden heraus, dass die meisten Tschuktschen bis vor 70 Jahren nur ihren Vornamen hatten. Sie zauberten erst Nachnamen herbei, als die Regierung damit begann, die Menschen dazu zu zwingen, Nachnamen (die auf dem Vornamen des Vaters beruhten) anzunehmen, damit die Schulanmeldungen und andere bürokratische Verfahren einfacher wurden.

Wir überredeten ihn außerdem dazu, uns ein paar Geschichten zu erzählen. Vladimir sprach von seinem Großvater, der mit mehr als 25.000 Rentieren zu den reichsten Tschuktschen gehört hatte. Aber er hatte dieses Vermögen nicht geerbt, er hatte es gestohlen. Wie? Indem er mit der Tochter der reichsten Familie in der ganzen Region durchbrannte. Nachdem sie geheiratet hatten, schlichen sie sich zum Lager ihrer Familie zurück und stahlen die ganze Herde.

Offenbar versuchte die bestohlene Familie, sie zu verfolgen, um die Herde zurückzubekommen, aber sie wurden nie erwischt. Heute, ein paar Generationen später, hütet Vladimirs Familie 4.000 Rentiere - nur ein kleiner Teil ihrer einst so gigantisch großen Herde. Dabei besitzen sie die Tiere nicht einmal. Stattdessen ermöglicht ihnen die Regierung, ohne Steuer von ihrem Land zu leben (und manchmal gibt es sogar noch ein paar Schneemobile oben drauf). Zudem dürfen die Tschuktschen über die Grenze Sibiriens hinaus reisen, da die Regierung jedem einheimischen Tschuktschen einen Flug pro Jahr schenkt - an einen anderen Ort in Russland und manchmal sogar ins Ausland. Wer hätte gedacht, dass die sozialistische, auf Rentieren basierende Wirtschaft der Tschuktschen eine der letzten Überbleibsel aus kommunistischen Zeiten werden würde?

Der Vater, Vladimir, war weit gereist, bis nach St. Petersburg. Mit seinen 56 Jahren war von seinen ehemals elf Geschwistern nur noch eine lebende Schwester übrig. Die Lebensbedingungen hier draußen in der Tundra seien recht hart, klagte er, und erzählte davon, wie er seinen Bruder und seinen Vater an einem einzigen Tag verloren hatte, als sie einen zugefrorenen Fluss überqueren wollten und das Eis unter ihren Füßen eingebrochen war. Dann berichtete er noch, dass die anderen sich entweder in Schneestürmen verlaufen hatten oder von Eisbären getötet wurden.

Nach einem langen Gespräch mit Vladimir packten wir unsere Schlitten und fuhren fünf Stunden lang Richtung Norden in die Stadt Vankarem.

 

Sibirien schmilzt

Die Fahrt nach Vankarem war ereignislos und als wir ankamen aßen wir gleich mit Sergey Kavry, dem führenden Eisbärenforscher der Region, zu Abend. Sergey arbeitet seit 2006 beim WWF als Umweltkoordinator und hat den Auftrag, Eisbären und Walrösser zu schützen. Seine Arbeit besteht meist darin, Wilderer zu verjagen und nach den Höhlen der Eisbären zu suchen.

Das arktische Eis schmilzt wegen der Klimaerwärmung durch die Treibhausgase rapide. Wenn die Weltgemeinschaft ihre Treibhausgasemissionen nicht drastisch reduziert, verlieren die Eisbären das Eismeer, das sie zum jagen brauchen (da sie dann keinen Robben mehr fangen können, die den Großteil ihrer Nahrungszufuhr ausmachen).

Wenn man hier auf dem Schneematsch entlangfährt, der mal uralter Permafrostboden war, braucht man keine Fakten oder Zahlen, um zu wissen, dass sich die Umwelt verändert. Warum genau ist es eigentlich so schlimm, wenn der Permafrostboden schmilzt? Permafrost ist ständig gefrorener Boden, der vor allem in nördlichen Breitengraden vorkommt. Er bedeckt 24% der nördlichen Erdhalbkugel und wenn das Eis schmilzt, verursacht das Erosion, Erdrutsche und lässt Seen verschwinden. Das größte Problem aber ist der Kohlenstoff, der dort seit Ewigkeiten in großen Mengen gespeichert ist. Wenn er als Kohlenstoffdioxid oder Methan in die Atmosphäre gelangt, wird die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre nur noch höher und trägt zur Erwärmung unseres Planeten bei.

Dazu kommt noch, dass das Schmelzen der Böden einige merkwürdige und erschreckende Konsequenzen für die Tschuktschen mit sich bringt. Jahrhundertelang gab es in Russland bis hoch nach Sibirien weitreichende Ausbrüche von Milzbrand. Die Leichen wurden glücklicherweise vom Permafrost begraben. Aber da dieser nun schmilzt, sind Rentiere den Leichen mit gut konservierten Milzbranderregern ausgesetzt, die wiederum ihre Hirten mit dem Erreger anstecken (für den es keinen Impfstoff gibt, weil es sich um eine alte Version der Krankheit handelt). Und das hier ist kein “was wäre wenn”-Szenario. Es gibt bereits Vorfälle. Vor kurzem erkrankten ein fünfjähriges Kind und 13 Erwachsene, als sie unwissentlich mit einem aufgetauten infizierten Rentier in Kontakt gekommen waren. Schrecklich, oder?

 

Auf der Suche nach Eisbären

Wir aßen in Sergeys Wohnung zu Abend, die voll staubiger Bücher und Mitbringseln aus fernen Ländern war. Seine Frau brachte uns einen riesigen Teller mit dampfenden Bratkartoffeln und große Schüsseln mit Fisch- und Fleischsuppe, und dazu eine Schale mit winterfesten Heckenkirschen aus der Tundra.

Während wir das dampfende Abendessen genossen, beschlossen wir, Sergey bei seiner Patrouille am nächsten Tag zu begleiten.

Zu diesem Zeitpunkt unserer Reise litten wir bereits unter ziemlichem Schlafmangel. Als Filmemacher waren wir es gewohnt immer während dem guten Licht bei Sonnenaufgang und -untergang unterwegs zu sein, aber hier oben in Sibirien geht die Sonne erst um 22.30 Uhr unter und schon vier Stunden später wieder auf. Das heißt, dass wir die letzten Tage nur ein paar wenige Stunden pro Nacht geschlafen hatten. Markus und ich entwickelten eine Art Schlafkrankheit und schliefen wann und wo immer wir die Möglichkeit dazu hatten.

Es war nicht so einfach wie es klingt, die Brigaden zu finden. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion läuft es nicht mehr gut mit dem von Rentieren abhängigem Wirtschaftssystem. Ohne die notwendigen Subventionen ist die Zahl der Brigaden auf 65 gesunken, was nur ein kleiner Teil der einst 220 Brigaden ist, die noch in den 80er Jahren die Tundra durchstreiften.

Als wir an Sergeys Wohnung ankamen, erfuhren wir durch einen glücklichen Zufall, dass die 7. Brigade in der Nähe war. Wir wollten sie unbedingt aufsuchen. Das einzige Problem dabei war, dass wir nur die Erlaubnis hatten, mit der 5. und 6. Brigade zu sprechen. Damit die Reise überhaupt stattfinden konnte, hatten wir auf Wunsch der russischen Regierung einen sehr strikten Reiseplan festgesetzt.

Tschukotka ist eine Grenzregion, was bedeutet, dass es in jeder Stadt einen obligatorischen Checkpoint gab. Immer wenn wir zum nächsten Checkpoint kamen, musste Michael genau berichten, was wir machten, wohin wir gingen, mit wem wir sprechen würden (egal ob das ein Tschuktschen-Hirte oder der Besitzer eines Spirituosengeschäftes war). Außerdem waren wir wahrscheinlich zwei von zehn Ausländern auf der gesamten Tschukotka-Halbinsel, was es unmöglich machte, unbemerkt zu bleiben.

Die Beamten in Vankarem würden uns genau wie die Wachmänner in allen Städten zuvor gut im Auge behalten und sicherstellen, dass wir bei der Angabe unserer Ziele und Treffen nicht gelogen hatten, was bisher auch keine Problem verursacht hatte. Natürlich hätten wir jetzt einfach fragen können, ob wir unseren Reiseroute ändern durften. Aber auf Grund seiner Erfahrung mit zahlreichen Expeditionen war sich Michael sicher, dass sie nein sagen würden.

Deshalb dachten sich Michael und Sergey einen Plan aus: wir würden in ein paar Eisbärhöhlen herumstochern und dann “aus Versehen” auf das Lager der 7. Brigade stoßen.

Wir fuhren mit unseren Schneemobilen tiefer in die Tundra hinein und begannen, nach Eisbärhöhlen zu suchen. Wie? Sergey zog eine lange Holzstange hervor und begann mutig damit, sie tief in den Schnee zu stecken, um so auf Höhlen (oder einen Eisbär) zu stoßen. Zum Glück störten wir keinen Eisbären beim Mittagsschlaf, da die meisten laut Sergey ihren Winterschlaf schon beendet hatten.

Als wir uns nach und nach durch die Tundra stocherten, fand Sergey zwei Höhlen, beide ungefähr fünf Meter breit und vier Meter lang, die am Ende zu einem Punkt zusammenliefen. Ich kroch in beide hinein und stellte überrascht fest, wie warm sie waren. Der Gletscherforscher in mir war begeistert von den magisch blauen Venen in der Höhle.

Nachdem wir einige Stunden lang in den Eishöhlen herumgekrabbelt waren, fuhren wir mit unseren Schneemobilen bis zum Rand der Küste und sahen dem Ozean dabei zu, wie er über Eiszapfen und Schnee spritzte, der sich am Strand zu großen Blöcken geformt hatte. Ich dachte schon, dass wir kein Glück mehr haben würden, als wir in der Ferne eine riesige Rentierherde auf einem schneebedeckten Hügel entdeckten.

Wir rannten so schnell wir konnten hinüber. Die Tschuktschen der 7. Brigade hatten ihr vollständiges Yaranga aufgebaut, das ein schweres goldenes Licht verströmte. Yarangas bestehen aus zwei Lagen Zelt (ein äußeres Zelt und ein Innenzelt, das Polog genannt wird) und sind wie ein rundes Tipi aufgebaut. Die Zeltstangen, die die Tschuktschen benutzen, sind leichte Rundhölzer, die an der eisigen Küste angespült werden, da in der Tundra keine Bäume wachsen. Sie werden mit einem Flickwerk aus Häuten und einem knorrigen Seil zusammengehalten; für ein mittelgroßes Yaranga braucht man ungefähr 50 Rentierhäute. Am Zelt war eine Gruppe von zehn wolfsähnlichen, aber flauschigen Hunden angekettet, die laut bellten. Nachdem wir noch einmal tief durchgeatmet hatten, traten wir ins Zelt, um mit der Familie zu sprechen (ihre Namen erfuhren wir leider nicht).

 

Wegen den miserablen Konditionen in der Tundra sind Gastfreundschaft und Großzügigkeit hier eine unermüdliche Geste. Mehrere Leute erzählten uns, dass es im Prinzip verboten sei, irgendjemandem, selbst wenn es ein Fremder ist, Zuflucht und Nahrung zu verwehren. Geiz gilt schon fast als Straftat. Die Tschuktschen-Gemeinschaften versorgten wirklich jeden: Waisen, Witwen, Arme, und sogar erstaunte deutsche Reisende.

Die vielen Menschen wärmten das Yaranga gemütlich auf, was ziemlich beeindruckend war, da die Temperatur draußen bei ungefähr minus 20 Grad lag. Leider konnten wir nicht allzu lange bleiben. Uns ging die Zeit aus und das Budget noch viel schneller. Um 22 Uhr machten wir uns während der blauen Stunde auf den Rückweg.

 

Kulturen treffen aufeinander

Am nächsten Tag begutachteten wir die Aufnahmen, die wir bisher gemacht hatten und uns wurde klar, dass wir noch nicht das gefilmt hatten, was wir brauchten.

Wir beschlossen, dass wir die 7. Brigade einfach noch mal besuchen mussten. Das Problem dabei war nur, dass alle noch mehr Geld für diesen zusätzlichen Umweg haben wollten. Sergey, unsere Fahrer und sogar die 7. Brigade brauchten eine Bezahlung und Benzingeld, damit sich der Trip für sie lohnte. Wir hatten unser Budget schon lange überzogen. Aber wir waren bis zum Ende der Welt gereist, um diese Aufnahmen zu machen und würden jetzt nicht aufgeben.

Also begaben wir uns noch mal auf den gleichen Weg. Während unserer Fahrt stocherte Sergey auf der Suche nach Höhlen weiter im Boden herum und stieß auf eine Eisbär-Mutter mit ihren zwei Jungen.

Dann trafen wir noch einmal die 7. Brigade, redeten ein bisschen und begannen zu filmen. Wir brauchten noch Aufnahmen von ihnen in traditioneller Tschuktschen-Kleidung. Also suchten wir ein paar bereitwillige Hirten zusammen. Aber nach der Hälfte des Drehs sagte die Mutter der Familie, dass sie nicht fotografiert werden wollte und wir hörten auf.

Wir standen vor einem moralischen Dilemma, was wahrscheinlich jeder Dokumentarist früher oder später erlebt. Wir sind Fotografen und Filmemacher. Wir brauchen Aufnahmen. Wir müssen in das Leben anderer Menschen hineinblicken. Das ist unser Job und wir machen das Ganze für einen guten Zweck. Wir wollen die herrliche Vielfalt der menschlichen Kulturen zeigen, indem wir das Leben dieser abgelegenen Völker dokumentieren. Wir wollen der Welt zeigen, dass es wichtig ist, diese Kulturen zu bewahren, dass ihre Andersartigkeit einen Wert hat.

Wir sehen es als Tragödie an, dass die Sprache der Tschuktschen ausstirbt, dass die Kinder die Sprache ihrer Eltern nicht mehr verstehen und dass der Klimawandel und soziale Druck ihre Lebensweise gefährden.

Aber wieso denken wir, wir haben ein Recht ins Privatleben anderer Menschen einzudringen? Wieso meinen wir, eine komplette Kultur in eine vergängliche Dokumentation packen zu können? Wir hatten hier mit einer nomadischen Familie zu tun. Sie waren nicht unsere Tourguides. Diese Frau war schlau. Würdest du einem Ausländer, der gerade mal ein paar Tage in deinem Land ist, vertrauen, dass er dich richtig porträtiert, dich definiert und dich dem Rest der Welt zeigt?

Alles, was ein Dokumentarfilmer tun kann, ist den Menschen auf die gleiche Art wie jeder andere Reisende auch zu begegnen - mit Respekt und Liebe, und zu versuchen, eine aufrichtige Verbundenheit zu den Menschen herzustellen. Erst dann kann man die Kamera herausholen - und auch nur, wenn diese Menschen ihr Leben und ihre Familie wirklich dem Rest der Welt zeigen wollen.

Um ganz ehrlich zu sein, all dies wäre ohne Michaels anthropologisches Wissen und menschliches Feingefühl nicht möglich gewesen. Er erforscht die tschuktschische Kultur seit Jahrzehnten, hat die Sprache gelernt und die Brigaden schon auf unzähligen Wanderungen begleitet. Er half uns dabei, die Aufnahmen, die wir brauchten zu bekommen, die rechtlichen Beschränkungen vor Ort zu befolgen (oder zu umgehen), und sorgte gleichzeitig dafür, dass die Einheimischen glücklich waren. Das ist ein wahnsinnig schwieriger Job.

 

Auf der Reise nach Süden

Nach unserem letzten Treffen mit der 7. Brigade machten wir uns auf den langen Weg nach Hause, der mit einem dichten, eisigen Schneesturm begann. Um das Schlimmste zu umgehen, lotste Michael uns tief ins Landesinnere, mitten hinein ins Eisbärengebiet. Unsere Guides machten sich nicht allzu viele Gedanken darüber (zumindest taten sie uns zu Liebe so). Für den Fall, dass uns ein hungriger Eisbär begegnen sollte, hatten wir eine einzige Waffe dabei - eine umgebaute Kalashnikov, die über Michaels Schulter hing.

Zum Glück musste er sie kein einziges Mal benutzen. Aber der Abschnitt der Reise blieb nicht ohne Zwischenfall. Einmal verlor mein Schneemobil den Halt und schlitterte quer übers Eis. Alles passierte wie in Zeitlupe. Max und ich schauten uns an und wussten, dass wir irgendwie aus der Situation herauskommen mussten. Wir sprangen in dem Moment ab, als das Gerät umkippte und verkehrtherum das Eis entlang rutschte.

Es entstand zum Glück kein Schaden, aber wir beschlossen, dass wir genug Abenteuer für einen Tag gehabt hatten. Und so schlugen wir zum ersten Mal auf unserer turbulenten Expedition unsere Zelte auf. Wir platzierten sie im Schnee, packten unsere unglaublich dicken Schlafsäcke aus und beendeten den Tag mit einem großen Topf heißem Risotto.

Ich kroch in mein Zelt, rollte mich in meinem Yeti Schlafsack zusammen und war überrascht, dass mir trotz der stetig sinkenden Temperatur von minus 15 Grad sofort mollig warm war. Bevor ich darüber nachdenken konnte, war ich auch schon eingeschlafen.

Der nächste Morgen verlief recht angenehm, bis auf die Tatsache, dass ich fast unseren Zeltplatz in die Luft blies. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie unser Campingkocher funktionierte. Als ich Frühstück machte, lies ich zu viel Benzin entweichen, zündete ahnungslos ein Streichholz an und setzte alles um mich herum in Brand (was zum Glück nur Schnee war). Meine Mitreisenden bekamen das Durcheinander mit und fanden mich in einem großen Kreis aus geschmolzenem Schnee vor, aus dem ein bisschen Gras hervorschaute. Später machte ich das allerdings wieder wett, indem ich spülte und ein paar Eimer Schnee kochte, um die Essensreste abzukratzen, die an allen Tellern festgefroren waren.

 

 

Migration

An unserem zehnten Tag in der Tundra erlebten wir endlich ein atemberaubendes Ereignis: die monatliche Massenwanderung der tschuktschischen Rentiere. Nach einem mühsamen Weg durch dichten Morgennebel trafen wir wieder auf die 5. Brigade.

Ihre Wanderung läuft wie folgt ab: die Familie packt zwei Stunden lang ihre Töpfe, Stromaggregate, Benzin, Suppe, Trockenfleisch, Felle und Kleidung ein. Sie bauen ihre Zelte Lage für Lage ab, so als ob sie eine Zwiebel schälen würden. Als sie das Yaranga abbauten, sah ich all die dicken Lagen aus Rentierfell, gemeißelten Holzstangen und die gewachste äußere Schicht aus regendichtem Stoff.

Dann luden sie ihr gesamtes Hab und Gut auf zehn Schlitten, deren Beladung genau aufgeteilt war. Ein Schlitten wurde voll Wintermäntel und warme Kleidung gepackt, während auf einem anderen all das Rentierfleisch und der getrocknete Tee transportiert wurde.

Und dann mussten sie Rentiere mit dem Lasso einfangen, damit diese die Schlitten ziehen konnten.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die männlichen Rentiere noch nicht gesehen. Valerie und sein Sohn stiegen auf ihre Schneemobile, um sie zu holen, und erzählten uns dabei, dass die Rentiere auf der anderen Seite des Bergrückens weideten. Also warteten wir. Nach einiger Zeit beobachtete ich, dass alle im Lager den östlichen Horizont beobachteten. Ich folgte ihrem Blick und konnte fast nicht glauben, was ich sah - eine riesige Ansammlung von schemenhaften Gestalten mit langen Geweihen. Sie erklommen den weißen Horizont und rannten genau auf uns zu.

Sofort fischten Markus und ich unsere schweren Teleobjektive aus den Taschen und rannten auf eine Anhöhe zu, die sich über das Tal erhob. Valerie und sein Sohn rannten herum, ermutigten das Vieh sich vorwärts zu bewegen und bestimmten mit ihren Schneemobilen den Weg der Herde.

Die Herde war riesig, aber komischerweise war sie vollkommen lautlos - als die 1.500 Tiere näher kamen, konnte ich ihre Schritte kaum hören und kein einziges grunzte, stöhnte oder gab irgendeinen einen Laut von sich. Alles was wir hörten, waren ihre gedämpften Hufschläge und das Surren der Schneemobile.

 

Als sie an uns vorbeirannten, stiegen Vladimir und sein Sohn von ihren Schneemobilen und holten zwei Lassos aus ihren Taschen. Dann positionierten sie sich an zwei Enden der Herde und warfen abwechselnd ihr Lasso in die dichte Menge der Tiere. Sie brauchten zehn Stück um alle Schlitten zu ziehen. Jedes Mal, wenn Valerie einen Bock aus der Herde zog, holte er ihn nah an sich heran und begutachtete ihn. Die Tiere, die zu schwach oder zu müde waren, ließ er wieder laufen.

Wenn ein Tier stark genug war, befestigte er ein Gespann an seinem verschlungenen Geweih und band es an den Schlitten. Währenddessen kochten Valeries Frau und die Tochter Tee und brieten dicke Scheiben Rentierfleisch als Vesper für alle.

Nach ein paar Stunden hatten sie genügend Rentiere für ihre Schlitten gefangen. Sie stellten alle zehn Schlitten hinter der gewaltigen Herde auf. Valerie und sein Sohn stiegen wieder auf ihre Schneemobile und drängten die Herde vorwärts. Und so begann der Marsch. Markus und ich liefen neben den arbeitenden Rentieren her, machten Fotos und schlängelten uns durch die Herde.

Am Ende der Migration kämpften sich die Rentiere, Hunde, Menschen und Schneemobile über einen lweißen Hügel, der wie aus dem Nichts vor uns auftauchte. Als wir über den Gipfel spähten, sahen wir Berge, die von der untergehenden Sonne blutrot angestrahlt wurden. Die fünfte Brigade hatte ihre neue Heimat gefunden. Ein neues Stück Tundra, das sie mit allem was sie brauchten versorgen würde.

Als alles aufgebaut war, wurden die Rentiere losgebunden und wir begannen im goldenen Licht das Yaranga aufzustellen. Es war ungefähr 23 Uhr, als das Zelt endlich aufgebaut war. Gemeinsam entschieden wir, die Schlitten nicht zu Ende abzuladen, sondern uns erst einmal darauf zu konzentrieren, unsere frierenden Zehen und Hände aufzuwärmen.

Später an diesem Abend, als wir uns um das schwelende Feuer versammelt hatten, konnte ich noch immer nicht begreifen, was wir gerade erlebt hatten. Wir hatten ein komplettes Zuhause auseinandergenommen, jedes einzelne Stück verpackt und über die raue Tundra zu diesem surrealen Hügel transportiert. Überdies macht Valeries Familie das jeden einzelnen Monat ihres Lebens. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Art von Freiheit in unserer Welt noch existiert.

 

Interview mit einem Rentierhirten

An unserem letzten Tag mit der 5. Brigade hatten wir die Gelegenheit Vladimir zu interviewen. Er erzählte uns, dass sein Bruder in St. Petersburg gelebt hatte. Vor nicht allzu langer Zeit war dieser verstorben und hatte Vladimir seine Wohnung hinterlassen. Eine Freikarte aus dem Nomadenleben heraus. Eine Zeit lang war er versucht, die Tundra zurückzulassen und in der Stadt zu leben.

Aber als er eines Tages in der Stadt aus dem Fenster schaute, konnte er bis zum Horizont nichts als Menschen und Gebäude sehen, und ihm wurde klar, dass er die weite Leere der Tundra viel zu sehr vermisste. Tschukotka war sein wahres Zuhause.

Nachdem wir uns von der 5. Brigade verabschiedet hatten, machten wir uns auf den Rückweg zu unserem Ausgangspunkt: Uelkal, dann weiter nach Anadyr. Auf dem Weg sahen wir ein sonderbares klaffendes Loch in einem zugefrorenen See. Wie wir später herausfanden, war der Panzer, den wir am Anfang unserer Expedition gesehen hatten, durch das Eis gebrochen und auf den Boden gesunken. Die Fahrer konnten sich zum Glück im letzten Augenblick retten und erholten sich momentan bei einer wohlverdienten Pause / Wodka.

Atao (Auf wiedersehen) Sibirien!

Immer noch etwas schwach beschlossen Markus und ich, unsere letzten Stunden in Sibirien an einem gefrorenen Strand zu verbringen. Wir beobachteten wie das Wasser von den Ebenen ins Meer floss (der gesamte Schnee in der Region war einen ganzen Monat zu früh geschmolzen). Der Ozean vor unseren Augen war mit Puzzlestücken aus Eis bedeckt. Wir sprangen auf eine der Eisschollen und ließen unseren Blick zum Horizont schweifen, wo die Sonne rot leuchtend unterging. Als wir zurück zum Ufer kletterten, sahen wir den Eisschollen dabei zu, wie sie auseinander brachen und viel zu schnell ins Meer trieben.

Danach

“Wieso habe ich mich hierzu bereit erklärt?”. Ich erinnere mich daran, dass ich mich nach der Hälfte unserer Reise nach Namibia genau das gefragt hatte. Es war das erste Kapitel unseres Projektes und ich war voll Aufregung ins Flugzeug gestiegen. Ich freute mich auf ein angenehmes Abenteuer im sonnigsten Land der Welt, wo ich ein paar Löwen und Elefanten sehen und Freundschaft mit dem Himba-Volk schließen würde.

Aber ich lag völlig falsch. Stattdessen verbrachte ich den Großteil der Reise in einer kargen, 40° heißen Wüste, mit nichts als ungenießbarem Essen und einem einzigen Schluck Wasser in meiner Flasche.

Während dieser ersten Nacht war ich mir in meinem dehydrierten und desillusionierten Zustand sicher, dass ich mich nie für die vielen Nomadenvölker und die Orte, die sie ihre Heimat nannten, interessieren könnte. Aber das war bevor alles begann. Seitdem hat sich alles unwiderruflich geändert.

Nach unzähligen Interviews und Unglücksfällen habe ich die seltene Möglichkeit bekommen, wertvolle Zeit mit den abgeschiedensten Völkern dieser Erde zu verbringen, die gütigerweise so viel mit mir geteilt haben - Hoffnung, Geschichten, Glauben, Ängste und Sehnsüchte. Mir wurden beeindruckende Geschichten erzählt - von einem einfallsreichen Tschuktschen-Pärchen, das eine ganze Herde Rentiere stahl, bis hin zu einem Bajao-Mann, der so lange auf sein geliebtes Meer starrte, bis er blind wurde. Mir wurde dabei langsam bewusst, dass diese Kulturen alle etwas zu bieten hatten, etwas, das Menschen wie mir aus “modernen” Kulturen fehlte.

Neue Bewegungen wie das Tiny House Movement, autarkes Leben, und digitale Nomaden zeigen, dass Menschen aus industrialisierten Gesellschaften ihren Lebensraum und den vorherrschenden Materialismus reduzieren und ihre Freiheit leben möchten. Ich weiß jetzt, dass all diese Menschen sich nach ihren uralten Wurzeln sehnen, deren Existenz ihnen vielleicht gar nicht bewusst war.

Diese neuen Nomaden in unserer industrialisierten Welt erlernen die Besonderheiten des nomadischen Lebensstils wieder neu, vom Kartoffelanbau über das Melken von Ziegen bis hin zum Kompostieren. Sie fangen wieder von vorne an. Aber die nomadischen Völker, die ich besuchen durfte, leben seit Jahrhunderten in völliger Harmonie mit ihrem Land. Auf eine sehr praktische Art haben sie schon alles begriffen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir diese Volksstämme respektieren und schützen, weil die Menschheit es sich nicht leisten kann, ihre Lebensweisen, ihr gemeinschaftliches Wissen und ihre Überlebensfähigkeit zu verlieren. Deshalb erzählen wir die Geschichten der abgelegensten Völker der Erde - um unser gemeinsames menschliches Erbe zu erhalten, um das älteste Wissen unserer Erde wieder zu beleben, um uns daran zu erinnern wo wir herkommen, und vor allem um zu erkennen, wer wir wieder sein können.

 

Comment